Handbuch 5. Auflage

Governance 649 Governance und Wohlfahrtsstaat Mit Blick auf die Soziale Arbeit leisten Governance- Analysen einen wichtigen Beitrag, um Organisa- tion und Verfassung des Sozialstaats (welfare gover- nance) sowie „der einzelnen Bereiche sozialer Dienste zu erfassen, analytisch aufzuschlüsseln und dadurch auch genauer zu bestimmen, welche Re- formen welche Folgen nach sich ziehen“ (Null- meier 2011, 292). Governance und Welfaremix im Wohlfahrtsstaat Grundlegend geht es darum zu verstehen, wie un- terschiedliche Sektoren der Wohlfahrtsproduktion (Staat, Markt, Assoziationen, Familie und andere Formen der Gemeinschaft) im Wohlfahrtsmix zu- sammenwirken und welche möglichen Aus­ wirkungen Gewichtsverlagerungen zugunsten be- stimmter Steuerungsformen haben (Bode 2007; Evers 2011). Vertikal gestaltet sich (nationale) Sozialpolitik heute in einem komplexen Mehrebenensystem von der Kommune über den Staat zur Europäischen Union und zu internationalen Zusammenhängen (multile- vel governance). Dabei sind sowohl die vielfältigen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten der einzel- nen Ebenen wohlfahrtsstaatlicher Sicherung im Sinne Scharpfscher „Politikverflechtung“ (Scharpf 1985) zu berücksichtigen, als auch die je eigenen Re- gelsysteme und Regelungsdynamiken auf den unter- schiedlichen Ebenen (Benz 2010, 112). Horizontal erfolgt die Produktion wohlfahrtsstaatlicher Leis- tungen traditionell im Zusammenwirken unter- schiedlicher gesellschaftlicher Sektoren (Staat, Markt, Dritter Sektor, primäre Netze bzw. Gemein- schaften (Abb.1). Letzteres wird seit Ausgang der 1990er Jahre mit dem v. a. durch Adalbert Evers und Thomas Olk geprägten Begriff und Konzept des „Wohlfahrtsmix“ (auch „Welfare Mix“, „mixed eco- nomy of welfare“ oder „Wohlfahrtspluralismus“) erfasst (Evers/Olk 1996). Als analytisches wie refor- morientiertes Konzept richtet sich „Wohlfahrtsplu- ralismus“ gegen einseitig etatistische oder marktlibe- rale sozialpolitische Konzepte. Der Begriff fasst „die Pluralität der Ressourcen und Instanzen, die für Le- bensqualität und Konzepte des guten Lebens von Bürgern eine Rolle spielen; es geht um Staat, Markt, den dritten Sektor von Assoziationen verschiedens- ter Art und um Gemeinschaftsformen auch jenseits der Familie“ (Evers 2011, 265). Ohne einem dieser Sektoren einen absoluten Vorrang in der Wohl- fahrtsproduktion einzuräumen, wird der je spezifi- sche Beitrag der einzelnen Sektoren sowie ihr Zu- sammenwirken in der Daseinsvorsorge betont. „Die Programmierung und die Implementierung von wohlfahrtsstaatlich vermittelten Transfers und Dienstleistungen erfolgen dementsprechend über ein komplexes Ineinandergreifen verschiedener Handlungsorientierungen“ (Bode 2007, 403). So- zialpolitische Steuerung muss deshalb prinzipiell unterschiedliche Steuerungslogiken berücksichti- gen: bürokratisch-administrative, marktnahe, netz- werkförmige und solidarische Steuerungslogiken. Governance bietet hier ein komplementäres politik- theoretisches Konzept, das dazu dient zu untersu- chen und zu verstehen, wie unter den Bedingungen einer gemischten Wohlfahrtsproduktion sozialpoli- tische Entscheidungen zustande kommen und wie der Beitrag der unterschiedlichen Sektoren in Pro- zessen des Regierens, Planens und Steuerns aufein- ander abzustimmen ist. Das Forschungsinteresse richtet sich in diesem Fall insbesondere auf den Wandel der „Governance of Welfare“. So wird die Entwicklung des bundesre- publikanischen Sozialstaats in der Fachdiskussion regelmäßig in drei Phasen gezeichnet. Bis in die 1980er Jahre dominiert die als „korporatisch be- zeichnete Governance-Konstellation“ (Bode 2007, 404 f.): „Von Sozialpartnern verwaltete Transfersysteme garantie- ren Unterstützungsansprüche im kodierten Leistungsfall (vor allem, aber nicht nur für Kerngruppen am Arbeits- markt), und im Bereich sozialer Dienste trafen Politik und Verwaltung verbindliche Arrangements mit gemeinnützi- gen Anbietern. Kostenträger vergaben Ressourcen und Vertrauen, die Leistungserbringer lieferten Kostennach- weise für die von Ihnen unterhaltene Infrastruktur (Perso- nal, Einrichtungen). Dies korrespondierte mit expandie- render Sozialstaatlichkeit sowie […] einer vergleichsweise weitreichenden Regulierung der Marktwirtschaft durch Politik und Verbände“. Dieses Arrangement gerät seit Mitte der 1970er Jahre zunehmend unter Druck. Individualisierung und Wertewandel, nationaler wie internationaler Wandel von Produktionsbedingungen und Markt-

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