Handbuch 5. Auflage
Handlungskompetenz 673 Beratungs- bzw. Hilfeplangespräch, kaum eine Form der Familienhilfe, der Mediation, der auf- suchenden Jugendarbeit oder der Arbeit mit älteren Menschen ohne eine Anamnese und Diagnose ih- rer Ressourcen, also ihrer (noch) bestehenden Handlungskompetenzen, auskommt (Bitzan et al. 2006). Ohne die individuelle Einbeziehung des Anderen und seiner Kompetenzen kann auch das auf Interaktion angelegte Handeln der sozialpäd agogischen Fachkraft sich nicht erfolgreich realisie- ren, und eben deshalb steht es in einer gewissen Abhängigkeit vom Adressatenhandeln und den darin enthaltenden Voraussetzungen. Damit entspricht das Verständnis von Handeln und Handlung – im Unterschied zum Begriff Ver- halten – theoretisch einer Auffassung, die Han- deln als Ausdruck subjektiver Sinnsetzungen be- trachtet (Weber 2003; Schütz 1971; 1974; Habermas 1981a; b), die allerdings auf intersub- jektiv bereitgestellte Wissensbestände und Hand- lungsregeln zurückgreifen. Dies geschieht ins- besondere, wenn es professionellen Maximen folgt bzw. folgen soll, die das kompetente Han- deln vom weniger oder nicht-kompetenten unter- scheidet. Im Unterschied zu tatsächlich ausgeüb- ten, beobachtbaren Aktionen (Performanz) betont Handlungskompetenz die Ebene der individuel- len Voraussetzungen für Handeln. Damit eine begründete Koordinierung zwischen individuell angeeigneten Dispositionen und Wissensbestän- den sowie eine situations- und fallangemessene Auswahl überhaupt stattfinden und in Handeln transformiert werden kann, ist Kompetenz in doppelter Hinsicht eine Voraussetzung. Nicht nur das handelnde Individuum muss über die durch reflexive Wissensaneignung gewonnenen Erfah- rungen verfügen; es bedarf auch der Zuständig- keit für die jeweils spezifischen Interaktionsver- hältnisse, in denen es agiert. Kompetenzentwicklung Kompetenzentwicklung ist nicht nur eine Auf- gabe der Organisationskultur sozialer Dienste (Lau /Wolff 1982; Grunwald / Steinbacher 2007) und der Innovationsfähigkeit professioneller Kräfte, sondern auch eine der verbesserten fallan- gemessenen Unterstützung ihrer Adressaten. Kompetenzentwicklung in der Sozialen Arbeit ist dabei als eine Programmatik zur Veränderung ei- ner Vielzahl von Handlungsabläufen zu verstehen, die von der thematischen und methodischen Ge- staltung von Fort- und Weiterbildung über orga- nisatorische Innovationen bis hin zum Wandel von Führungsverständnis und zur Vergewisserung und Veränderung normativer Leitbilder sozialer Einrichtungen reichen kann. Dabei werden so- wohl Kompetenzerwartungen aus dem Erfah- rungswissen von Fachkräften und aus den ver- gleichsweise externen Wissensbeständen von Wissenschaft einzubeziehen sein (Flad et al. 2008). In Fällen indessen, deren strukturelle Rah- mung so ausgestattet ist, dass auch die bestentwi- ckelte Handlungskompetenz nicht greifen kann, wird deutlich, worin eine der Grenzen dieser Sub- jektdimension liegt. Literatur Baumert, J., Klieme, E., Neubrand, M., Prenzel, M., Schie- fele, U., Schneider, W., Stanat, P., Tillmann, K.-J., Weiß, M. (2000): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerin- nenundSchülerniminternationalenVergleich.Leske&Bu- drich, Opladen Bernfeld, S. (1921/1996): Kinderheim Baumgarten – Be- richt über einen ernsthaften Versuch mit neuer Erziehung. In: Bernfeld, S.: Sämtliche Werke. Bd. 11. Beltz, Wein- heim/Basel, 9–154 Bitzan, M., Bolay, E., Thiersch, H. (Hrsg.) (2006): Die Stimme der Adressaten. Empirische Forschung über Er- fahrungen von Mädchen und Jungen mit der Jugendhilfe. Juventa, München/Weinheim Böhnisch, L., Lösch, H. (1973): Das Handlungsverständnis des Sozialarbeiters und seine institutionelle Determina- tion. In: Otto, H.-U., Schneider, S. (Hrsg.): Gesellschaft- liche Perspektiven der Sozialarbeit. Erster Halbband. Luchterhand, Neuwied/Berlin, 21–40 –, Schefold, W. (1985): Lebensbewältigung. Soziale und päd- agogische Verständigungen an den Grenzen der Wohl- fahrtsgesellschaft. Juventa, Weinheim/München Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju- gend (BMFSJ) (2005): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Ju- gendhilfe in Deutschland. Zwölfter Kinder- und Jugend- bericht. Deutscher Bundestag, Berlin Brumlik, M. (2004): Advokatorische Ethik. Zur Legitima- tion pädagogischer Eingriffe. Philo, Berlin
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