Handbuch 5. Auflage

676  Hilfe Von Hans Gängler Der Begriff „Hilfe“ zählt zweifellos zu den gebräuch- lichsten Begriffen innerhalb der Sozialpädagogik und Sozialarbeit. Etymologisch geht „Hilfe“ auf das Verb „helfen“ zurück, das im semantischen Umfeld von „stützen, unterstützen, fördern, beschirmen“ angesiedelt ist (Kluge 2002, 405). Das Grimmsche Wörterbuch unterscheidet vor allem zwei Haupt- bedeutungen, „die des beistandes, der unterstützung, und die des nutzens, der förderung; welche bedeu- tungen indes manigfach in einander verlaufen“ (Grimm/Grimm 1877, 1323). In dieser alltags- prachlichen Bedeutung taucht der Begriff auch im sozialpädagogischen Diskurs auf. In den meisten theoretischen Konzepten der Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaft wird der Begriff „Hilfe“ alltagssprachlich verwendet, etwa wenn von „Hilfe zur Selbsthilfe“, „Hilfen zur Lebensbewältigung“ oder ganz allgemein von „sozialen Hilfen“ die Rede ist. Eine systematische Analyse des Begriffs, die ihn zu einem theoretischen Grundbegriff ausbauen würde, mithin eine allgemeine Theorie des Helfens ist vorerst nicht in Sicht. Die Herausforderungen, denen sich ein solches Unterfangen stellen müsste, sind rasch benannt: Es wäre zunächst nach außen eine Unterscheidung zu treffen zwischen sozialpäd­ agogischer und nicht sozialpädagogischer Hilfe; nach innen zwischen professioneller und ehrenamt- licher oder Laienhilfe. Eine intensivere Klärung des Begriffs „Hilfe“ ent- wickelt sich erst mit der wissenschaftlichen Etab- lierung der Sozialpädagogik als Disziplin. Aus- schlaggebend dabei ist, dass in der Neuzeit Formen des Helfens entstehen, die nicht mehr nur zufällig und spontan zustande kommen oder über kollektiv verbindliche Weltbilder und soziale Kontroll- mechanismen gesteuert werden, sondern als gesell- schaftliche Aufgabe betrachtet, staatlich organisiert und von eigens dafür ausgebildetem professionellem Personal durchgeführt werden. Diese Entwicklung ist eng verknüpft mit der Entstehung des neuzeitli- chen Sozialstaats und der Ausgestaltung eigener Hilfesysteme, für die sich eine breit gefächerte Se- mantik entwickelt: Fürsorge, Wohlfahrtspflege, Soziale Arbeit, Sozialpädagogik u. a .m. Im Weiteren nähern wir uns dem Begriff „Hilfe“ im Kontext der Sozialpädagogik und Sozialarbeit in drei Schritten an: Im ersten Schritt wird das Augenmerk auf die Rolle der Hilfesemantik in erzie- hungswissenschaftlichen Diskursen gerichtet. Im zweiten Schritt werden einige Theorieofferten und Diskurse, die mit dem Hilfebegriff operieren , einer systematischen Analyse unterzogen. Im dritten Schritt wird schließlich die neuere Diskussion zur Frage, ob sich ein gesellschaftliches Teilsystem „Soziale Hilfe“ identifizieren lässt, skizziert. „Hilfe“ und „helfen“ in Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik Im Rahmen erziehungswissenschaftlicher und sozi- alpädagogischer Reflexion hat der Begriff „Hilfe“ zwar eine lange Tradition, allerdings nahm er nie den Stellenwert der Grundbegriffe „Erziehung“, „Bil- dung“ oder „Didaktik“ ein – vermutlich aufgrund seiner alltagssprachlichen Universalität: „Alles Erzie- hen ist in irgendeinem Sinn Hilfe [doch] will man den Begriff der Hilfe […] explizieren, so zeigt sich, daß er im Sprachgebrauch eine viel zu allgemeine Bedeutung hat, um noch einen bestimmten Aspekt der Erziehungstätigkeit bezeichnen zu können“ (Mollenhauer 1964, 98). Der enge Zusammenhang von Hilfe- und Erzie- hungsbegriff ist allerdings spätestens seit der frü- hen Neuzeit offenkundig. Dies wurde vor allem durch eine veränderte Auffassung der Entste- hungsbedingungen von Armut vorangetrieben. In Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art063, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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