Handbuch 5. Auflage
678 Gängler Der wahre Pädagoge begehre nichts anderes, „als zu helfen und emporzuheben“ (198). Leicht modifi- ziert findet sich dieser Gedanke auch in einer von Wilhelm Flitners Begriffsbestimmungen von Erzie- hung: „Die Erziehung ist eine selbstlose Hilfe, die den andern instandsetzen möchte, aus eigener Kraft sein Leben zu bemeistern, indem er dabei der tiefs- ten Bestimmung des Menschen inne wird“ (Flitner 1947, 62). Diese enge Verbindung von Hilfemotiv und Erziehungsbegriff, wie sie in der geisteswissen- schaftlichen Pädagogik ausformuliert wurde, hatte allerdings im Laufe der Ausdifferenzierung einer All- gemeinen Pädagogik nicht Bestand (Krüger 2010). Zwar konzipierte noch Brezinka (1957) „Erziehung als Lebenshilfe“ und Weil hielt eine Fundierung der Pädagogik für möglich durch eine Theorie helfen- den Handelns, „das auf die Überwindung mensch- licher Schwächen abzielt“ (Weil 1972, 14). Jedoch setzte sich innerhalb der Erziehungswissenschaft mit der Binnendifferenzierung in Teildisziplinen auch eine themenbezogene Arbeitsteilung durch: das Hil- femotiv wanderte in die sich seit den 1960er Jahren zunehmend wissenschaftlich etablierende Sozialpäd agogik ab. Für die Sozialpädagogik wurde der Hilfebegriff in allen Varianten zumAnknüpfungspunkt der Selbst- verständigung der Disziplin (Mühlum 1981, 34 ff.), jedoch blieb in fast allen Abhandlungen noch völlig unklar, was unter „Hilfe“ denn nun ei- gentlich zu verstehen sei. Zwar lassen sich viele kulturgeschichtlich tradierte Formen und Motive des Helfens in der Sozialpädagogik identifizieren (Frommann 1977), folgt man jedoch Niemeyer, so hat sich in der Neuzeit der Hilfebegriff in der Päd- agogik stets im Kontext eines spezifischen Pro- blembezugs etabliert: als Reaktion auf das Armuts- problem im 18. Jahrhundert, als Reaktion auf die soziale Frage im 19. Jahrhundert und als Reaktion auf zunehmende Schwierigkeiten bei der Lebens- bewältigung im 20. Jahrhundert (Niemeyer 1994). Solche Problembezüge lassen sich auch in der neueren sozialpädagogischen Diskussion um das Helfen identifizieren. Seit den 1960er Jahren erschien eine Fülle von Fach- 1. literatur, die bereits im Titel auf Hilfe Bezug nahm wie etwa „Die helfende Beziehung als Grundlage der persönlichen Hilfe“ (Bang 1964), „Die persön liche Hilfe in der Sozialarbeit unserer Zeit“ (Kamp- huis 1965) oder „Das helfende Gespräch“ (Lattke 1969), bis hin zu einer Methodengeschichte mit dem Titel „Wie Helfen zum Beruf wurde“ (Müller 1982; 1988). In diesen Texten wurde Hilfe als Auf- gabe und Ziel der Sozialen Arbeit aufgefasst. Das Hauptaugenmerk war ein methodisches; es ging um die Systematisierung und Verbesserung der Tech- niken und Methoden des Helfens . Angestoßen durch die Rezeption soziologischer 2. und gesellschaftskritischer Ansätze wurde Hilfe seit Mitte der 1960er Jahre auch als Form von Herrschaft diskutiert (Matthes 1973; Hollstein 1973). Dabei ging es vor allem um die Klärung der gesellschaftlichen Funktion der Sozialpädagogik im Kontext des staatlich organisierten Hilfehandelns. Die hier inszenierte Entlarvung des Hilfehandelns als besonders geschickte Art der staatlichen Kon- trolle hatte dann entscheidende Auswirkungen auf die Verwendung des Hilfebegriffs: Als systematisch gebrauchter Begriff verschwand er so gut wie voll- ständig aus dem sozialpädagogischen Theoriedis- kurs. Neuerdings erlebt diese Diskussion vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um die zu- künftige Form des Sozialstaats eine Renaissance (Knopp / Münch 2007). Einen dritten Themenkomplex schob die zuneh- 3. mende Professionalisierung an: Die Verberufli- chung des Helfens erfordert einerseits eine plausi- ble ethische Begründung des Hilfehandelns (Brumlik 1992; Thiersch 1995; Stettner 2007) so- wie eine Klärung des Verhältnisses von Ehrenamt- lichen / Laien und Professionellen (Müller / Rau- schenbach 1992). Schließlich entwickelte sich eine neue Diskussion, 4. die durch eine Reformulierung der Begriffe „Hilfe“ und „Hilfsbedürftigkeit“ eine Weiterentwicklung der sozialpädagogischen Theoriebildung anstrebte (Brumlik / Keckeisen 1976; Gängler / Rauschenbach 1986; Baecker 1994). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Hilfebegriff seit der frühen Neuzeit über ■ ■ die Armenfürsorge mit dem Erziehungsbegriff ge- koppelt wurde, dass die Verbindung von Hilfebegriff und Erzie- ■ ■ hungsbegriff vor allem durch den Bezug auf eine spezifische Interaktionsform möglich war: Wie bei der erzieherischen handelt es sich auch bei der hel- fenden Beziehung um eine asymmetrische Inter- aktion mit normativen Intentionen,
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