Handbuch 5. Auflage
Hilfe 679 dass mit der Ausdifferenzierung der Erziehungs- ■ ■ wissenschaft in Teildisziplinen der Hilfebegriff vor allem für die Sozialpädagogik reserviert bleibt, die dadurch an nicht im engeren erziehungswissen- schaftlichen Kontext angesiedelte Ansätze zur Hil- fethematik anschließen konnte, dass der Hilfebegriff als systematischer Begriff ■ ■ durch die ideologiekritischen Arbeiten der 1970er Jahre aus der sozialpädagogischen Theoriedebatte zunehmend verschwand. Ältere Theorien des Helfens im Kontext der Sozialen Arbeit Hilfe- und Erziehungsdiskurs waren – wie sich zeigte – anschlussfähig. Diese Koppelung war al- lerdings nicht von Dauer. Als theoretisierbarer Be- griff verschwand der Hilfebegriff wieder aus der sozialpädagogischen Theoriediskussion. Dass diese Abwendung vom Hilfebegriff gerade zu einer Zeit stattfand, in der sich die wissenschaftliche Sozial- pädagogik organisatorisch etablierte, weist darauf hin, dass eine umstandslose Koppelung von Er ziehungs- und Hilfesemantik möglicherweise zu theoretischen Schwierigkeiten führte, die aus der Verbindung der nicht im engeren Sinne erziehungs- wissenschaftlichen Tradition der Wohlfahrtspflege mit der pädagogischen Semantik herrührte. Um dies weiter zu präzisieren, wird dieser Prozess im Folgen- den anhand von vier Theorieoptionen rekonstruiert: Herman Nohls Konzeption von Sozialpädagogik als Verbindung von Hilfe und Erziehung, Alice Salo- mons Analyse der Funktion des Helfens im Kontext der Fürsorge, Hans Scherpners Theorie der Für- sorge, die auf dem Hilfebegriff basiert ohne auf den Erziehungsbegriff zu rekurrieren sowie eine knappe Skizze der Hilfe-Herrschafts-Debatte der 1960er und 1970er Jahre, die in letzter Konsequenz den Hilfebegriff theoretisch desavouierte. Nohls Konzept von Sozialpädagogik ergab sich aus ■ ■ seiner Analyse der Wohlfahrtspflege der Weimarer Zeit. Dort stünden sich – so Nohl – zwei große Richtungen gegenüber, deren eine die Änderung und Höherbildung der Umwelt, die andere jedoch die Änderung und Höherbildung der Menschheit zum Ziel habe. Darunter verstand er zum einen materielle, zum anderen erzieherisch-bildende Hil- fen. Nohl betonte, dass die materielle Hilfe in der Wohlfahrtspflege die primäre sei: Es gehe zualler- erst um sachliche Unterstützung, Wohnung, ärzt- liche Hilfe, Arbeitsbeschaffung usw. Doch mate- rielle Unterstützung allein würde dem Ziel der Wohlfahrtsarbeit nicht gerecht werden können: „persönliche Stützung und […] Wiederaufbau des Menschen“ (Nohl 1926a / 1949, 18). Hierzu brau- che es Pädagogik, genauer: Sozialpädagogik, denn: „Das pädagogische Verhalten, die erzieherische Hingabe an den einzelnen Menschen, den ‚Men- schen im Menschen‘, ist der feste Grund aller auf- bauenden Wohlfahrtsarbeit“ (Nohl 1926b/1965, 141). In dieser Argumentation wird deutlich, wie Nohl die Wohlfahrtspflege an die Erziehung ankop- pelt – nämlich über die erzieherisch-bildenden Hil- fen der Wohlfahrtspflege. Die erzieherisch-bilden- den Hilfen fasste Nohl zusammen unter dem Konzept der Sozialpädagogik, die in doppelter Hin- sicht der allgemeinen Logik von Erziehung folge: Sie wurzelt zum einen im Kern in einer spezifischen Interaktionsform, dem erzieherischen Verhältnis bzw. dem „pädagogischen Bezug“ ( → Colla, Liebe und Verantwortung), sie folgt zum anderen densel- ben ethischen Prinzipien, einer allgemeinen huma- nitären Auffassung. Unabhängig also, was der Ge- genstand bzw. Inhalt der Hilfe auch sein mag, ist sie doch geprägt von einer spezifischen Interaktion zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen sowie geleitet von einem ethischen Prinzip. In ihrem Buch „Soziale Diagnose“ (Salomon 1926) ■ ■ unterschied Salomon ebenfalls zwei Formen der Fürsorge (1926, 59): „Alle Fürsorge besteht darin, daß man entweder einem Menschen hilft, sich in der gegebenen Umwelt einzuordnen, zu behaup- ten, zurecht zu finden – oder daß man seine Um- welt so umgestaltet, verändert, beeinflußt, daß er sich darin bewähren, seine Kräfte entfalten kann. Persönlichkeitsentwicklung durch bewußte Anpas- sung des Menschen an seine Umwelt – oder der Umwelt an die besonderen Bedürfnisse und Kräfte des betreffenden Menschen.“ Demzufolge unter- schied sie zwischen „sachlichen“ und „persönli- chen“ Maßnahmen der Fürsorge. Salomon ging davon aus, dass bei der sachlichen Fürsorge bereits große Erfolge erzielt worden seien, insbesondere auch die Zahl der Einrichtungen und Gesetze für diese Zwecke ständig wachse, so dass es im all- gemeinen viel leichter sei, hier „Erfolge zu erzie- len“ (60). Ganz anders jedoch bei der zweiten
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