Handbuch 5. Auflage
680 Gängler Gruppe der Aufgaben, den persönlichen Maßnah- men: Hier „stehen wir noch am Anfang der Er- arbeitung der Methoden“ (61). Hilfe ist für Salo- mon ohne persönliches Engagement und einen ethischen Standpunkt undenkbar (66): „Wahre Hilfe kann der Mensch dem Menschen nur bringen, wenn fremde Not, wenn fremdes Leid für ihn zum eignen wird, wenn es ihm im Herzen brennt. Die bessere Technik, die durchdachte Methode ist nur ein Werkzeug – als solches nützlich und unentbehr- lich. Aber recht handhaben kann es nur der Mensch, dessen Tun aus einem wachen Gewissen quillt; aus dem lebendigen Glauben an eine Brüderlichkeit, der Taten wirken muß.“ Scherpner entwarf eineTheorie der Fürsorge (Scherp- ■ ■ ner 1962), der der Hilfebegriff zugrunde lag, und die zwei Grundmotive enthielt: Hilfe ist seiner Auffas- sung nach eine Funktion der Gemeinschaft, also zu- allererst ein soziales Phänomen – nicht etwa eine Frage der individuellen Motivation oder des Altruis- mus. Hilfe wurzelt in Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Menschen in Familie, Nach- barschaft etc., wird aber dann „aufgrund der immer komplizierter werdenden Gesellschaftsverhältnisse“ von staatlicher Seite planmäßig organisiert und in- stitutionalisiert. Dabei bleibt fürsorgerische Hilfe ab- hängig von den jeweiligen sozial-kulturellen Gege- benheiten einer bestimmten Gesellschaftsformation. Es kann daher nach Scherpners Auffassung auch keinen „allgemeinsten Begriff der Fürsorge, der für alle Zeiten und alle Kulturen gültig wäre“ (Scherp- ner 1933, 8), geben. Ein zweiter Grundgedanke be- stand darin, dass fürsorgerische Hilfe immer persön- liche und auf den Einzelfall bezogene Hilfe ist. Kern der Fürsorge ist die persönliche Beziehung von Mensch zu Mensch. Aufgrund dieser Bestimmung erwächst den Hilfeleistenden ein hohes Maß an Ver- antwortung; zudem sind spezifische berufliche Qua- lifikationen erforderlich. Scherpner unterschied wie Nohl zwei Ansatzpunkte: materielle, schwerpunkt- mäßig auf Armut bezogene Hilfen, sowie personen- bezogene, gegen Verwahrlosung gerichtete Hilfen. Beiden gemeinsam liegt eine spezifische Beziehung zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen zugrunde, die von einem Ethos der Anerkennung der Individua- lität des Hilfsbedürftigen getragen ist. Den Verdacht auf einen Zusammenhang zwischen ■ ■ Hilfe und Herrschaft hatte früh Aloys Fischer ge- äußert. Er sah in der Verberuflichung des Helfens ein Strukturproblem, denn die Hilfsbedürftigen könnten sich sagen: „Das Beamtentum der sozia- len Hilfe ist eigentlich gar nicht unseretwegen da, ist gar nicht in erster Linie eine Maßnahme zu un- seren Gunsten, sondern dient letztlich der Erhal- tung eines Systems, das im großen ganzen erst un- sere Notlage zu einer ehernen Notwendigkeit macht“ (Fischer 1925, 322). Die Kritik am Eigen- interesse beruflicher Helfer verdichtete sich schließ- lich zur breit diskutierten „Aufdeckung“ der Sozia- len Arbeit als „Instanz sozialer Kontrolle“ (Haferkamp / Meier 1972) Ende der 1960er Jahre, als der allzu sorglos benutzte Hilfebegriff in der So- zialen Arbeit unter Ideologieverdacht geriet (Danckwerts 1964; Vogel 1966). Demzufolge wurde die „Sozialarbeit unter kapitalistischen Pro- duktionsbedingungen“ genauer untersucht. Holl- stein / Meinhold (1977, 7) kritisierten, dass Soziale Arbeit „nach wie vor auf den emotionalgefärbten pseudo-wissenschaftlich getrübten Begriff der ‚Hilfe‘ gebracht“ werde.Weiter wurde der Sozialen Arbeit vorgeworfen, dass sie unter dem Deckmän- telchen der Hilfe in Wirklichkeit ihren eigentlichen Funktionen, nämlich Herrschaft und Kontrolle aus- zuüben, nachkomme (Guggenbühl-Craig 1971; Houtman 1978). Das Fazit lautete dann: „Sozial- arbeit ist […] in je spezifischer Gewichtung Hilfe und Kontrolle zugleich“ (Müller 1978, 343). Betrachtet man die vorgestellten Diskussionen um den Hilfebegriff nun im Zusammenhang, so zeigen sich jenseits der unterschiedlichen Akzen- tuierungen Gemeinsamkeiten. Von zentraler Be- deutung scheint erstens zu sein, wodurch geholfen wird, was den sachlichen Teil des Helfens aus- macht. Nohl, Salomon und Scherpner identifizie- ren hier zwei grundlegende Hilfeformen, die man in heutiger Terminologie als materielle und psy- chosoziale Hilfen bezeichnen könnte: Die Sozial- pädagogik verteilt „Geld und gute Worte“ (Die- ßenbacher 1984). Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Beschäftigung mit der Frage, wie denn geholfen wird. Es geht um den Modus des Hel- fens. Nohl, Salomon und Scherpner betonen hier vor allem den persönlichen Bezug zwischen Hel- fenden und Hilfsbedürftigen, wobei Scherpner zusätzlich die Organisationsförmigkeit moderner Hilfesysteme berücksichtigt. Einen dritten Schwerpunkt bilden schließlich Fragen danach, unter welchen Bedingungen und mit welchen Absichten geholfen wird. Während Nohl und
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