Handbuch 5. Auflage
Hilfen zur Erziehung 691 Ende der 1970er Jahre führten unterschiedliche Entwicklungen – in erster Linie aufgrund der Umstrukturierung großer Träger – dazu, dass ins- besondere für Kinder und jüngere Jugendliche teilstationäre Angebote bereitgestellt wurden (Spät 2001). Viele Fremdunterbringungen brach- ten eine unangemessen scharfe – oft auch (zu) lange – Trennung des jungen Menschen vom El- ternhaus mit sich. Näher an den Herkunftsfami- lien zu arbeiten und – in vielen Fällen – die Schule in der Erziehungshilfe sinnvoll zu ergänzen, wa- ren primäre Motive zur Einrichtung solcher Gruppen. Deren Anzahl nahm zwischen 1985 und 1990 stark zu (s. u.). Aber auch die stationären Erziehungshilfen erfahren ab den 1980er Jahren eine verstärke Rückbesinnung auf die gemeinsame Alltagsgestaltung als integrative Gruppe. Das „gute Haus“ (Frommann 2008, 171ff., 230ff.), in dem situative Problembewältigung, Be- ziehungsarbeit und Perspektivenentwicklung für den jungen Menschen im Mittelpunkt stehen, gilt heute als Sinnbild gelingenden Zusammenlebens. ImVerlauf der 1980er Jahre setzten sich – ausgehend von spezifischen örtlichen Entwicklungen (Ham- burg, Celle) – darüber hinaus Modelle durch, in denen Heimerziehung auch außerhalb von Grup- pen – etwa als Einzelwohnen oder in Form auf- suchender Betreuung in der eigenen Woh- nung – möglich wurde (Hansbauer 1999). Die im 8. Jugendbericht (BMJFFG 1990, 85–90) program- matisch herausgestellten Strukturmaximen der Kin- der- und Jugendhilfe wurden zur Richtschnur für alle Organisationsformen. Demzufolge werden Hil- fen zur Erziehung seit der Jahrtausendwende zuneh- mend im Rahmen von lokalen Netzwerken angebo- ten, die immer häufiger federführend von einem Schwerpunktträger organisiert und verantwortet werden („Stuttgarter Modell“; Früchtel et al. 2001). Diese Regionalisierung geht einher mit einer Öff- nung einzelfallbezogener Erziehungshilfen in enger Verbindung zu niedrigschwelliger Familienbildung oder -beratung, offener Jugendarbeit, Schulsozial- arbeit sowie zu Tagestätten und Horten (Wolff et al. 1997; Peters et al. 2001). In diesem Zusammen- hang, jedoch auch im Rahmen der Vermeidung so- wie der Vor- und Nachberatung von stationären Maßnahmen, spielen aufsuchende Familienberatung und Familienaktivierung in Form von Elterntrai- nings, Ressourcenerschließung und Kriseninterven- tion eine zunehmende Rolle im Spektrum regional vernetzter Erziehungshilfen. Angesichts dieser Ent- wicklungen sehen sich die Träger auch einem erhöh- ten Bedarf an organisatorischer Flexibilität sowie der Notwendigkeit eines hochwertigen Personalmana- gements gegenüber (Grunwald/Steinbacher 2007). Mit der Gesetzesnovelle des KICK (Kinder- und Jugendhilfe-Weiterentwicklungsgesetz) im Jahr 2005 rückte der Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch (Fegert 2002) und die damit verbun- dene Wächterfunktion des Jugendamtes wieder ver- stärkt in den Fokus der Fachdiskussion (ISS 2008). Erziehungshilfen (in Form von Beratung, Entlas- tung, Aufklärung und Opferschutz) müssen diesem Anspruch zufolge gerade auch dort wirksam werden, wo im privaten Raum der Familie Kinder und Ju- gendliche unter gewaltvollen und/oder vernachläs- sigenden Strukturen leiden. Empirische Daten und Forschungsbefunde Inanspruchnahme von Erziehungshilfen Im Jahr 1991 erhielten 138 von 10.000 jungen Menschen im Alter bis 27 Jahre eine Hilfe zur Er- ziehung, im Jahr 2006 waren es 281, das entspricht einer Zunahme von 104% in 15 Jahren. In dieser Zeit hat das relative Gewicht der außerfamilialen Hilfen (nach den §§ 32–35 SGB VIII) deutlich abgenommen (von 43% auf 26%), während der relative Umfang der innerfamilialen Hilfen (nach den §§28–31 SGB VIII) entsprechend an Gewicht gewonnen hat (von 57% auf 74%). Im Jahr 2006 erhielten insgesamt 2,8% aller ca. 23,2 Millionen der unter 27-Jährigen eine Hilfe zur Erziehung (Statistisches Bundesamt 2008). Die Häufigkeiten einzelner Hilfearten lassen sich jedoch kaum ver- gleichen, bedenkt man die doch sehr unterschiedli- chen Intensitäten und Aufwendungen: Die Erzie- hungsberatungen, die fast die Hälfte (48%) aller Einzelmaßnahmen ausmachen, bestehen jeweils lediglich aus Einzelstunden im Gesamtverlauf von durchschnittlich 7 Monaten. Maßnahmen in Ta- gesgruppen werden häufig an jedem Werktag der Woche erbracht und dauerten (bei den 2006 be- endeten Hilfen) durchschnittlich 24 Monate. Die stationäre Unterbringung im Heim (mit bis zu 365 Betreuungstagen) machte im Jahr 2006 zwar nur
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