Handbuch 5. Auflage
694 Moch institutionelle Merkmale der Strukturqualität. Danach zeichnet sich Heimerziehung durch eine vergleichsweise große Leistungsvielfalt aus und erreicht im untersuchten Maßnahmespektrum insgesamt das größte Maß an Strukturqualität (Organisationsformen, Personal, Fachressourcen, Qualifikationen). Den höchsten Grad an Bedarfs- orientierung weist die Sozialpädagogische Famili- enhilfe auf. Die Erziehungsbeistandschaft ist nach dieser Studie mit einer relativ geringen Struktur- qualität ausgestattet, es fehlt ihr insbesondere an klinischer (diagnostisch-therapeutischer) Orien- tierung. Im Unterschied zu anderen Studien wurde hier auch verstärkt auf Verhaltensmerkmale und Erhebungsmethoden zurückgegriffen, wie sie in Feldern der klinischen Psychologie sowie der Kinder- und Jugendlichen-Psychiatrie Anwen- dung finden. Die fallbezogenen Ergebnisse weisen darauf hin, dass in Bezug auf die Problematik der jungen Menschen in stationären Gruppen sowie in der SPFH die größten Veränderungen zu ver- zeichnen sind – bei allerdings sehr unterschiedli- chen Ausgangsniveaus. Auch die Tagesgruppe er- zielt diesbezüglich gute Erfolge, fällt jedoch erstaunlicherweise gegenüber anderen Hilfen deutlich zurück, was die Veränderungen der psy- chosozialen Belastungen im sozialen Umfeld an- belangt (Schmidt et al. 2002, 239). Dies gelingt demgegenüber der Erziehungsberatung am besten (158), aber auch hinsichtlich der Stärkung des psychosozialen Funktionsniveaus (Bewältigungs- verhalten in Familie, Schule, Gleichaltrigen- gruppe und Freizeit) des Kindes erweist sich die Erziehungsberatung als recht erfolgreich, ganz im Gegensatz zur Erziehungsbeistandschaft. Die bisher umfangreichste Datenbasis zur Abschät- zung der Wirkungen erzieherischer Hilfen wurde durch das Projekt WIMES („Wirkungen messen“; EREV 2008) erhoben. Auf der Grundlage der Er- hebung von je 10.000 Aufnahmen und Entlassun- gen werden laufende Veränderungen in Bezug auf verschiedene Fallmerkmale wie etwa Versorgung im Elternhaus, Affektsteuerung, Sozialverhalten oder Problemwahrnehmung eingeschätzt. An einer Teilstichprobe von 2160 vollständigen Hilfever- läufen wurde gezeigt, dass 58% der jungen Men- schen in stationären Hilfen in mindestens einer Entwicklungsaufgabe profitierten, wohingegen 27% keine positive Entwicklung aufwiesen (EREV 2008, 34). „In über 70% der Fälle führen Heim- unterbringungen zu positiven Veränderungen in der Familie“ (33), hauptsächlich durch entspann- tere Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Bei den ambulanten Hilfen zeigen sich bei 68% der Kinder und Jugendlichen mehr oder weniger deutliche Effekte hinsichtlich erwünschter Wir- kungen. Aktuelle Diskurse In den vergangenen Jahren haben einige heraus- ragende Themen die Fachdebatte um Erziehungs- hilfen in Deutschland besonders geprägt. Beim Versuch, diese – sich vielfach überschneiden- den – Diskurse zu bündeln, lassen sich folgende vier inhaltliche Schwerpunkte bilden. Damit sind zahlreiche verschiedene Einzelthemen verbunden. (1) Mit der Umstrukturierung der Erziehungshil- fen in regional vernetzte, flexibel reagierende An- gebote und Hilfestellungen unterschiedlicher In- tensität und Reichweite vergrößerte sich im Einzelfall zum einen das Spektrum an möglichen und auch verfügbaren Hilfen. Zum anderen stie- gen die organisatorischen und fachlichen Anforde- rungen an bedarfsentsprechende Hilfeplanverfah- ren . Indem zunehmend anerkannt wird, dass eine – lange immer noch vorherrschende – einsei- tig fachlich-diagnostische Sichtweise die subjekti- ven Wahrnehmungs-, Aneignungs- und Bewälti- gungsmuster der beteiligten Eltern, Kinder und Jugendlichen vernachlässigt, werden Hilfepläne mit den Betroffenen gezielter vorbereitet, präziser gefasst und angemessener dokumentiert (Harnach- Beck 2007). Versuche mit dem aus Neuseeland stammenden Modell der „family group confe- rence“, in welchem – unter methodischer Anlei- tung – alle Familienmitglieder in weitgehender Ei- genverantwortung Hilfevorschläge und -szenarien selbst entwickeln (Müller /Kriener 2008), ermögli- chen größere Akzeptanz und konsequentere Um- setzbarkeit geplanter Hilfen. Die bisher selbstver- ständliche strikte Trennung von Helfer- und Klientensystem kommt als Hindernis bei der Pro- blembestimmung in den Blick. Folgerichtig wer- den die Helfer selbst explizit in die Analyse von Fallkonstellationen und Lösungsbildern mitein- bezogen (Ader 2006). In diesen Ansätzen kann man erste Wege erkennen, um die nach wie vor häufigen „Jugendhilfekarrieren“ (14% bis 20%
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=