Handbuch 5. Auflage
702 Keupp dem die Gesellschaft nicht vorkommt. Große Teile der Psychologie, der Zentraldisziplin des Individu- ums, sind in einem naturalistischen Missverständ- nis noch immer von der Annahme bestimmt, sie könnten Aussagen über das Individuum formulie- ren, die ahistorisch und universell gültig sind. Das ist nur für die biologisch-naturhaften Basisprozesse psychischer Funktionen möglich (z. B. über die physiologisch-anatomischen Bedingungen der Wahrnehmung), nicht aber für die qualitativ-in- haltlichen Dimensionen des Psychischen (z. B. ist Wahrnehmen immer soziales Wahrnehmen, also sinnliche Erkenntnis im Rahmen der soziokulturell geprägten Wahrnehmungskategorien). J.H. Her- bart (1824 / 25), einer der Gründer der modernen Psychologie, hatte in aller Klarheit die Unsinnig- keit dieser Position benannt: „Der Mensch ist Nichts außer der Gesellschaft. Den völlig Einzel- nen kennen wir gar nicht“ (1883–92, VI, 20). Am eingängigsten hat Karl Marx in seiner 6. These über Feuerbach die Fiktion eines ungesellschaftli- chen abstrakten Individuums benannt: „Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Indivi- duum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirk- lichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Marx 1845, zit. nach 1969, 6). Eine solche Sicht hat sich längst noch nicht durch- gesetzt. Vor allem Norbert Elias hat sich an vielen Stellen seines Werkes gegen die in den Sozialwis- senschaften generell und vor allem in der Psycho- logie verbreitete Konzeption des Menschen als „homo clausus“ gewandt. In diesem Modell wird zunächst das Individuum als von der Gesellschaft getrennt gedacht, also der in sich eingeschlossene Mensch, der danach aber dann doch zu dieser Ge- sellschaft in Beziehung gesetzt wird. Dafür werden dann so vage Konzepte wie „Wechselwirkung“, „Beeinflussung“ oder „soziale Faktoren“ etc. be- müht. Die getrennt gedachten Größen werden nachträglich zusammenmontiert. Elias selbst und eine Reihe anderer Autoren zeigen, dass nicht nur die jeweiligen Vorstellungen vom Individuum ei- nem historischen Konstruktionsprozess unterlie- gen, sondern dass das Hervortreten eines eigen- ständigen Individuums auf gesellschaftliche Herstellungsprozesse zurückgeführt werden muss. Gesellschaftliche Individualisierung als Bedingung zeitgenössischer Subjektpositionierung In den aktuellen Gesellschaftsanalysen rückt immer deutlicher der Begriff der „Individualisierung“ ins Zentrum. Er formuliert einen wichtigen Trend ge- sellschaftlicher Veränderung. Gleichzeitig wird er oft vollständig missverstanden. Er trifft auf spezi- fische Formen von Vorverständnis, die zugleich Missverständnismöglichkeiten einschließen. Ulrich Beck erläutert, was der Begriff nicht meint: „nicht Atomisierung, Vereinzelung, nicht Beziehungs- losigkeit des freischwebenden Individuums, auch nicht (was oft unterstellt wird) Individuation, Emanzipation, Autonomie“ (1995, 304). Wenn er dies alles nicht meint, was meint der Begriff „Indi- vidualisierung“ sonst? Beck unterscheidet drei Di- mensionen eines gesellschaftlichen Prozesses, der die Moderne wie kein anderer prägt: die „Freisetzungsdimension“, die die „Heraus- 1. lösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge thematisiert; die „Entzauberungsdimension“, also den „Verlust 2. von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Hand- lungswissen, Glauben und leitende Normen“ und die „Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension“, die 3. sich auf eine „neue Art der sozialen Einbindung“ bezieht (Beck 1986, 206). Die gesellschaftliche Individualisierung fördert – wie es Jürgen Habermas (1998, 126 f.) treffend formu- lierte – eine „zweideutige Erfahrung“: „die Entbin- dung aus einer stärker integrierten Lebenswelt ent- lässt die Einzelnen in die Ambivalenz wachsender Optionsspielräume“. Die sozialwissenschaftliche Literatur, die auf diese epochale Veränderung reagiert, reproduziert noch einmal diese Ambivalenz. Da wird einerseits der individuelle Zugewinn an Entscheidungssouverä- nität herausgestellt. Auf der anderen Seite wird die Entkernung der Subjektgehäuse betrauert, das seine „Substanz“ einbüßen würde, es ist vom „Tod des Subjekts“ die Rede (Gergen 2000). In den meisten dieser besorgten Diagnosen wird unter- stellt, dass die zunehmende Individualisierung zu einer Liquidation des Subjektes führt. Es wird entweder angenommen, dass das Subjekt völlig
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