Handbuch 5. Auflage

Individuum / Identität  703 aus seiner sozialen Verankerung gerissen wird und nun hilf- und haltlos zum Treibholz gesellschaftli- cher Fluten wird oder sich zu einem „ungebunde- nen Selbst“ (Sandel 1993) entwickelt, das sich al- lein von seinen „egoistischen“ Interessen leiten lässt und deshalb zu einem konstruktiven Beitrag sozialen Zusammenlebens unfähig ist. Hier ist von den „Ichlingen“ die Rede oder – als Steige- rungsform– von „neoliberalen Subjekten“ (Walker­ dine 2005), die einzig und allein ihren persönlichen Gewinn im Sinne haben und damit zu einem ge- meinschaftsschädigenden Potenzial werden. „Un- reflektierte Einzigartigkeit“ (Heller 1995, 80) würde kultiviert, und es resultiere daraus das, was Agnes Heller (81) den „narzisstischen Konformis- ten“ genannt hat. Identität: Die kulturell kodierte Selbstaneignung des Individuums Das Konstrukt Identität verweist auf das mensch- liche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit, das gerade deshalb sich immer wieder bemerkbar macht, weil es ontologisch in der Conditio humana nicht abgesichert ist. Es soll dem anthropologisch als „Mängelwesen“ be- stimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermög- lichen, liefert eine individuelle Sinnbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzep- table Formen der Befriedigung eröffnen. Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und der äußeren Welt. Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll einerseits das unverwechselbar Individuelle, aber auch das soziale Akzeptable darstellbar machen. Insofern stellt sie immer eine Kompromissbildung zwischen „Eigensinn“ und Anpassung dar. Identität im psychologischen Sinne ist die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit für eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der Wahrnehmung der eigenen Per- son und für eine innere Einheitlichkeit trotz äu- ßerer Wandlungen. Dieses Problem der Gleichheit in der Verschiedenheit beherrscht auch die aktuel- len Identitätstheorien. Für Erik Erikson, der den durchsetzungsfähigsten Versuch zu einer psycho- logischen Identitätstheorie unternommen hat, besteht „das Kernproblem der Identität in der Fä- higkeit des Ichs, angesichts des wechselnden Schicksals Gleichheit und Kontinuität aufrecht- zuerhalten“ (1964, 87). Identität wird von Erikson also als ein Konstrukt entworfen, mit dem das subjektive Vertrauen in die eigene Kompetenz zur Wahrung von Kontinuität und Kohärenz formuliert wird. Dieses „Identitäts- gefühl“ (Bohleber 1997) oder dieser „sense of iden- tity“ (Greenwood 1994) ist die Basis für die Beant- wortung der Frage: „Wer bin ich?“, die in einfachster Form das Identitätsthema formuliert. So einfach diese Frage klingen mag, so eröffnet sie darüber hinaus komplexe Fragen der inneren Strukturbil- dung der Person. Die Konzeption von Erikson ist in den 1980er Jahren teilweise heftig kritisiert worden. Die Kritik bezog sich vor allem auf seine Vorstellung eines kontinuierlichen Stufenmodells, dessen adäquates Durchlaufen bis zur Adoleszenz eine Identitäts- plattform für das weitere Erwachsenenleben sichern würde. Das Subjekt hätte dann einen stabilen Kern ausgebildet, ein „inneres Kapital“ (Erikson 1966, 107) akkumuliert, das ihm eine erfolgreiche Le- bensbewältigung sichern würde.Thematisiert wurde auch die Eriksonsche Unterstellung, als würde eine problemlose Synchronisation von innerer und äu- ßerer Welt gelingen. Die Leiden, der Schmerz und die Unterwerfung, die mit diesem Einpassungspro- zess gerade auch dann, wenn er gesellschaftlich als gelungen gilt, verbunden sind, werden nicht auf- gezeigt. Das Konzept von Erikson ist offensichtlich un- auflöslich mit dem Projekt der Moderne verbun- den. Es überträgt auf die Identitätsthematik ein modernes Ordnungsmodell regelhaft-linearer Ent­ wicklungsverläufe. Es unterstellt eine gesellschaft- liche Kontinuität und Berechenbarkeit, in die sich die subjektive Selbstfindung verlässlich ein- binden kann. Gesellschaftliche Prozesse, die mit Begriffen wie Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung angesprochen sind, haben das Selbstverständnis der klassischen Moderne grund- legend in Frage gestellt. Der dafür stehende Dis- kurs der Postmoderne hat auch die Identitäts- theorie erreicht. In ihm wird ein radikaler Bruch mit allen Vorstellungen von der Möglichkeit einer stabilen und gesicherten Identität vollzogen. Es wird unterstellt, „dass jede gesicherte oder essen- tialistische Konzeption der Identität, die seit der Aufklärung den Kern oder das Wesen unseres

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