Handbuch 5. Auflage
704 Keupp Seins zu definieren und zu begründen hatte, der Vergangenheit angehört“ (Hall 1994, 181). In der Dekonstruktion grundlegender Koordinaten modernen Selbstverständnisses sind vor allem Vor- stellungen von Einheit, Kontinuität, Kohärenz, Ent- wicklungslogik oder Fortschritt zertrümmert wor- den. Begriffe wie Kontingenz, Diskontinuität, Fragmentierung, Bruch, Zerstreuung, Reflexivität oder Übergänge sollen zentrale Merkmale der Welt- erfahrung thematisieren. Identitätsbildung unter diesen gesellschaftlichen Signaturen wird von ihnen durch und durch bestimmt. Identität wird deshalb auch nicht mehr als Entstehung eines inneren Kerns thematisiert, sondern als ein Prozessgeschehen be- ständiger „alltäglicher Identitätsarbeit“, als per- manente Passungsarbeit zwischen inneren und äu- ßerenWelten. Die Vorstellung von Identität als einer fortschreitenden und abschließbaren Kapitalbildung wird zunehmend abgelöst durch die Idee, dass es bei Identität um einen „Projektentwurf des eigenen Le- bens“ (Fend 1991, 21) geht oder um die Abfolge von Projekten, wahrscheinlich sogar um die gleich- zeitige Verfolgung unterschiedlicher und teilweise widersprüchlicher Projekte. Die aktuelle Identitätsforschung versucht, ein Ver- ständnis von Identitätsentwicklung zu formulieren, das den gesellschaftlichen Strukturveränderungen Rechnung tragen kann. Ihren Kernbestand von An- nahmen zur Identität könnte man so zusammenfas- sen (Keupp et al. 2006): Identität wird hier verstan- den als konzeptioneller Rahmen, innerhalb dessen eine Person ihre Erfahrungen interpretiert und die jeweils die Basis bildet für aktuelle Identitätspro- jekte. Die alltägliche Identitätsarbeit sucht in spezi- fischen Identitätsprojekten situativ stimmige Pas- sungen im Verhältnis von inneren und äußeren Erfahrungen zu entwickeln. Durch diese Passungen soll die individuelle Handlungsfähigkeit gesichert werden. Das „Identitätsgefühl“ bildet die subjektive Authentizitätserfahrung. Basale Voraussetzungen für dieses Gefühl sind soziale Anerkennung und Zu- gehörigkeit. Der globalisierte Kapitalismus hat das Inventar traditionsbestimmter Identitätsmuster aus- gezehrt. Alltägliche Identitätsarbeit hat die Aufgabe, die Passungen, die Verknüpfungen unterschiedlicher Teilidentitäten vorzunehmen. Qualität und Ergeb- nis dieser Arbeit findet in einem macht-bestimmten Raum statt, der schon immer aus dem Potenzial möglicher Identitätsentwürfe spezifische erschwert bzw. andere favorisiert, nahelegt oder gar aufzwingt. Qualität und Ergebnis der Identitätsarbeit hängen von den Ressourcen einer Person ab, von individu- ell-biographisch grundgelegten Kompetenzen, über die kommunikativ vermittelten Netzwerkressour- cen, bis hin zu gesellschaftlich-institutionell vermit- telte Ideologien und Strukturvorgaben. Die Suche nach Kohärenz in den individuellen Identitätspro- jekten orientiert sich an subjektiver Stimmigkeit und Authentizität, und sie wird zugleich durch ge- sellschaftlich vorherrschende Narrationen geprägt, über die soziale Zugehörigkeit vermittelt wird. Die Konstruktion des individuellen Identitätskonstruk- tes wird von Bedürfnissen geleitet, die aus der per- sönlichen und gesellschaftlichen Lebenssituation gespeist sind. Insofern konstruieren sich Subjekte ihre Identität nicht in beliebiger und jederzeit revi- dierbaren Weise, sondern versuchen sich in dem, was ich Gefühl von Identität genannt habe, in ein „imaginäres Verhältnis zu ihren wirklichen Lebens- bedingungen“ zu setzen (Althusser 1973, 147). Beim Herstellen dieser Identitätskonstruktionen werden zumindest „Normalformtypisierungen“ be- nötigt (Identifikationen), Normalitätshülsen oder Symbolisierungen von alternativen Optionen, Mög- lichkeitsräumen oder Utopien. Der Identitätsbegriff vermittelt in spezifischen Verwendungsweisen – zumindest unausgespro- chen – den normativen Sollzustand „gelungenen Lebens“. Gerade diese Konnotation hat ihn zu- gleich zum Gegenstand heftiger Kritik gemacht. Er wird von kritischen Sozialwissenschaftlern wie Adorno oder Foucault als Begriff einer ideologi- schen Versöhnung zwischen Subjekt und Gesell- schaft gesehen, als gäbe es gelingendes Leben in einer Gesellschaft, die subjektive Lebenswünsche systematisch zerstört, entfremdet und beschädigt. Auch in der feministischen Kritik wird Identität als patriarchal bestimmte Zwangsfiguration für weibliche Subjektivität kritisiert (Bilden 1997). In diesen Kritikformen wird die oft „vergessene“ Anpassungs- und Unterwerfungsdimension in der Passungsarbeit zwischen Innen und Außen zum Thema und in dem Maße wie sie unausgespro- chen bleibt, gibt sie dem Identitätsdiskurs eine ideologische Aufladung. Bei der Rekonstruktion der alltäglichen Identitätsarbeit müssen diese „Identitätszwänge“, die aus ihnen folgenden sub- jektiven Verbiegungen und Beschädigungen ebenso aufgezeigt werden wie die zu gewinnende Handlungsfähigkeit.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=