Handbuch 5. Auflage

Individuum / Identität  705 Identitätsarbeit und Ressourcen Die Bewältigung der Gestaltungsaufgaben, die der Individualisierungsprozess immer mehr den Sub- jekten überträgt, setzt ein handlungsfähiges Sub- jekt voraus, das den Zugang zu den notwendigen „capabilities“ („Verwirklichungschancen“; Amartya Sen) hat und auch wahrnimmt. Die von Bourdieu konzpierten Kapitalsorten zeigen, welche Gestal- tungsressourcen unabdingbar sind, um sich sowohl in der individuellen Lebensführung als auch im Aufbau passförmiger Netzwerke als selbstwirksam zu erleben. Coté und Levine (2002) haben in die- sem Zusammenhang das Konzept des „Identitäts- kapitals“ entwickelt. Dieses bezeichnet die Summe aller Eigenschaften bzw. Merkmale, die ein Indivi- duum in der Interaktion mit anderen Individuen erworben bzw. zugewiesenen bekommen hat. Dazu gehören soziale Ressourcen („tangible resources“), wie Kreditwürdigkeit, Mitgliedschaften, Bildungs- zertifikate, die sozusagen als „Passport“ in andere soziale und institutionalisierte Sphären fungieren. Und es gibt „intangible resources“ wie Ich-Stärke und „reflexiv-agentic-capacities“, wie Kontroll- überzeugung, Selbstwertschätzung, Lebenssinn, die Fähigkeit zur Selbstverwirklichung und eine kritische Denkfähigkeit. Die Autoren nehmen an, dass die Ich-Stärke bzw. das Identitätskapital den Individuen Kräfte und Vermögen verleiht, die ver- schiedenen sozialen und persönlichen Hemmnisse und Chancen, auf die sie im spätmodernen Leben stoßen, verstehen und überwinden zu können. Auch Tom Schuller mit seinem Forschungsteam bei der OECD (2004) arbeitet mit dem Konzept des Identitätskapitals. Es verweist auf die Eigen- schaften des Individuums, die seine Perspektiven und sein Selbstbild bestimmen. Es enthält spezi- fische Persönlichkeitseigenschaften, wie Ich-Stärke, Selbstachtung oder Kontrollüberzeugung. Der spezifische Blick auf die gesellschaftlich ungleich verteilten Chancen, Zugang zu solchen Kapitalien zu erwerben, liefert Erklärungen dafür, warum In- dividualisierung als Chance und Verhängnis zu- gleich thematisiert werden kann. Identitätsarbeit als „Kampf um Anerkennung“ und Zugehörigkeit Die in den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts angestoßene Individualisierungstheorie entstand in einem gesellschaftlichen Arrangement, das sich seither erheblich gewandelt hat. Das gesamtgesell- schaftliche Feld hat sich erheblich verändert, und das hat auch seinen Niederschlag in der Diskurs­ arena gefunden, die sich um eine Theorie der re- flexiven Modernisierung bemüht. Die positiven Erwartungen an Prozesse der Zweiten Moderne sind nicht völlig erloschen, die Wahrnehmung von Ambivalenzen ist schärfer geworden, und damit sind auch die problematischen Konsequenzen ins Aufmerksamkeitszentrum gerückt. An die Über- legungen zu Verwirklichungschancen, Ressourcen und Identitätskapital als Bedingungen für den sou- veränen Umgang mit individualisierten Lebens- bedingungen anschließend, ist das Faktum zu kon- statieren, dass eine wachsende Anzahl von Menschen und Menschengruppen marginalisiert und aus dem Alltag von Arbeit, Politik, Konsum und Zivilgesellschaft ausgeschlossen ist oder sich so erlebt. Armut ist wieder zu einem zentralen Thema geworden, Begriffe wie „Prekariat“ oder „Exklu- sion“ begegnen uns und lassen sich als Indikatoren für eine tiefgreifende gesellschaftliche Transforma- tion lesen. Die sich immer deutlicher abzeichnende Weltwirtschaftskrise wird eher noch zu einer wei- teren Zuspitzung ungleicher Lebensbedingungen führen und diese Frage noch radikalisieren. Die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber der wachsen- den Zahl ausgegrenzter Menschen, die lange Zeit auch das Bild der Sozialwissenschaften geprägt hatte, scheint angesichts der Dimensionen der sich vollziehenden Exklusion allmählich aufzubrechen. Aktuell erscheinen Bücher, in deren Titel die „Ex- klusion“ (Kronauer 2002), die „Ausgegrenzten, „Entbehrlichen“ und „Überflüssigen“ (so Bude und Willisch 2006) oder die „Ausgeschlossenen“ (Bude 2008) ins Zentrum gerückt werden. Zygmunt Bau- man hat eines seiner letzten Bücher „Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne“ (2005) genannt. Wie wir der soziologischen Auslegung des Exklusionsthemas entnehmen können, entsteht hier eine gesellschaftliche Konstellation auf neuem Niveau, die dadurch ausgezeichnet ist, dass neben der objektiven Prekaritätsdiagnose eine subjektive Seite beleuchtet wird, die von Bude und Lanter-

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