Handbuch 5. Auflage

Alter 71 den können. Aktuell gilt steigende Hochaltrigkeit als die wichtigste Bestimmungsgröße sozialpoliti- schen Handlungsbedarfs rund um das Altern der Gesellschaft. Altersklischees und Altersrealität Mit dem Altwerden und Altsein werden sehr häufig negative Vorstellungen verbunden. Typisch dafür ist z.B.: Zum alten Eisen zu gehören, ins Altenheim „abgeschoben“ zu werden, arm, einsam, krank und pflegebedürftig die letzten Lebensjahre verbringen zu müssen. In dieser Sicht wird die letzte Lebens- phase als weitgehend problematisch begriffen, ge- prägt durch vielfältige Einschränkungen, Verluste und Benachteiligungen. Dem entspricht ein in der Gerontologie lange Zeit und z.T. heute immer noch vertretenes Bild: das „ Defizitmodell des Alters “. Dem- nach ist Alter eine Lebensphase, die weit überwie- gend durch Abbau und Verluste wichtiger Funktio- nen, so insbesondere von physischer und psychischer Funktionsfähigkeit, gekennzeichnet ist. Diese defizi- täre Vorstellung ist auch heute noch vielfach maß- geblich für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit älterer Menschen, so z.B. auch die älterer Arbeit- nehmerInnen. In der aktuellen Diskussion wird diese, zumeist auf das einzelne Individuum bezogene Perspektive auf die gesellschaftliche Ebene ausgewei- tet. Vor demHintergrund des demografischenWan- dels gilt das Defizitmodell z.B. als mit verantwort- lich für aktuell dominierende „demografische Krisenszenarien“, nach denen sich das Altern der Bevölkerung in erster Linie als ein gesellschaftliches Problem darstellt, das z.B. die Stabilität der sozialen Sicherungssysteme bedrohen, wegen der nachlassen- den beruflichen Leistungsfähigkeit eines insgesamt alternden Erwerbspersonenpotenzials das Wirt- schaftswachstum gefährden und insgesamt zu einer nachlassenden Innovationsfähigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft führen würde. In den letzten Jahren, maßgeblich befördert durch den 5. Altenbericht der Bundesregierung von 2005 zum Thema „Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft“ (BMFSFJ 2006), hat aber auch ein anderes, in Teilen geradezu entgegen gesetztes Bild in der öffentlichen Diskussion an Bedeutung gewonnen: Die Produktivität des Alter(n)s in indi- vidueller und gesellschaftlicher Perspektive. Dem- nach verfügen ältere Menschen über vielfältige, im Grundsatz lediglich brachliegende Ressourcen, Kompetenzen und Potenziale – Begriffe, die häufig synonym verwendet werden. Diese könnten und sollten nicht nur individuell für ein besseres eigenes Älterwerden, sondern auch im Interesse der Gesell- schaft besser genutzt werden. „Unter ‚Potenzialen des Alters‘ sind sowohl vom Indivi- duum wie von der Gesellschaft präferierte Lebensent- würfe und Lebensformen, die zur Wirklichkeit werden können, als auch die den älteren Menschen für die Ver- wirklichung von Lebensentwürfen und Lebensformen zur Verfügung stehenden Ressourcen zu verstehen. Dabei kann zwischen einer stärker individuellen und einer stär- ker gesellschaftlichen Perspektive differenziert werden. Während aus einer individuellen Perspektive die Verwirk- lichung persönlicher Ziel- und Wertvorstellungen im Vor- dergrund steht, ist aus gesellschaftlicher Perspektive vor allem von Interesse, inwieweit ältere Menschen zum einen auf Leistungen der Solidargemeinschaft angewie- sen und zum anderen in der Lage sind, selbst einen Bei- trag zum Wohl der Solidargemeinschaft zu leisten.“ (BMFSFJ 2006, 47) Ähnlich hatte bereits zwei Jahre zuvor der Zwi- schenbericht der Nachhaltigkeitskommission der Bundesregierung argumentiert und dabei explizit auf einen Ausgleich zur Reduzierung der gesell- schaftlichen Belastungen des kollektiven Alterns der Bevölkerung abgehoben: „Es ist künftig davon auszugehen, dass […] die gesell- schaftlichen und wirtschaftlichen Zukunftsaufgaben von einer insgesamt geringeren und im Durchschnitt älteren Bevölkerung bewältigt werden müssen. Hieraus erwach- sen vielfältige Herausforderungen sowohl an die Politik als auch an den Einzelnen, die insbesondere darin beste- hen, Bedürfnisse der heutigen Generationen mit den Le- benschancen zukünftiger Generationen so zu verknüpfen, dass eine gerechte Teilhabe aller an der Gesellschaft möglich wird (Grundgedanke einer nachhaltigen Ent- wicklung). Vor dem Hintergrund der verlängerten Lebens- erwartung ist diese ‚Freisetzung des Alters‘ nicht mehr zu- kunftsfähig.Gleichzeitig zeigt sich,dass die meisten Älteren selbst keineswegs an einem Rückzug aus wichtigen gesell- schaftlichenAktionsfeldern interessiert sind.Vorausgesetzt, die ‚Bedingungen stimmen‘, kann sogar erwartet werden, dass ein Teil der Älteren von heute und insbesondere der Älteren von morgen zu einer Fortsetzung, ja sogar zur Aus- weitung ihres Engagements in Beruf, Wirtschaft und Ge-

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