Handbuch 5. Auflage
72 Naegele sellschaft bis hin zur Übernahme neuer Aufgaben bereit ist.“ (Bundesregierung 2004) Was ist nun richtig, wie sieht die Lebensrealität äl- terer Menschen aus? Unstrittig ist, dass die negative Beschreibung des individuellen Altwerdens und Altseins allenfalls auf Minderheiten der älteren Menschen zutrifft. Vor allem dank der Ausweitung sozialstaatlicher Leistungen und Dienste (hinsicht- lich der Renten, der sozialen Dienste sowie der ge- sundheitlichen und pflegerischen Versorgung) lebt die Mehrheit der älteren Menschen in Deutschland heute selbstständig, sozial abgesichert, in relativer Zufriedenheit und weitgehend sorgen- und pro- blemfrei. Dies gilt auch für ihre finanzielle Lage. Alter bedeutet keineswegs zwangsläufig, funktions- los, desintegriert, isoliert, finanziell unterversorgt, kontaktarm, krank, hilfe- und pflegebedürftig, ver- wirrt usw. zu sein, um die Klischees aufzugreifen. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen werden in befriedigenden und belastungsfreien Lebensbedin- gungen alt. Hinzu kommt, dass sich die Alters- phase erheblich ausgeweitet hat und heute nicht selten 30 Jahre und mehr beträgt. Es lässt sich von einer eigenständigen Lebensphase Alter sprechen, die die weitaus meisten auch erreichen und die von der Mehrheit der Altersbevölkerung ohne nennens- werte Beeinträchtigungen durchlebt wird. Gleichwohl leben ältere Menschen unter sehr un- terschiedlichen Verhältnissen und sind alles andere als eine homogene Gruppe. Die Lebenssituation der Hochaltrigen weicht in vielfältiger Hinsicht von der der „jungen“ Alten ab. Aber selbst innerhalb der Gruppe der Hochaltrigen gibt es erhebliche Unter- schiede in den Lebenslagen. Dies weist darauf hin, dass sich die sozialen Risiken, die mit dem Altern verbunden sind, nicht allein durch das kalendari- sche Alter erklären lassen, sondern abhängig sind von einer Vielzahl ineinander greifender und sich verstärkender sozialer, biologischer und psycho- logischer Einflussfaktoren. Ob die Phase des Alters zur Phase der Einschränkungen oder der „späten Freiheit“ wird, ist maßgeblich abhängig von der sozialen Stellung, die die Betroffenen in ihrem Le- benszyklus innehatten. Die Lebenslagenforschung hat aufgezeigt, dass beeinträchtigte bzw. gefährdete Lebenslagen im Alter nicht zufällig verteilt sind, sondern in hohem Maße mit sozial-strukturellen Merkmalen verknüpft sind. Dabei wird eine enge Beziehung deutlich: Eine durch Abhängigkeit, Un- sicherheit, hohe Arbeitsmarktrisiken und soziale Benachteiligungen geprägte Stellung im Erwerbs- leben wirkt auch noch bis ins hohe Alter hinein. Demgegenüber behält eine zeitlebens privilegierte gesellschaftliche Stellung auch im Alter ihre Bedeu- tung, zumindest erleichtert sie den Umgang mit und die Bewältigung von typischen Altersproblemen. Allerdings wird diese Beziehung überlagert durch Kohorteneinflüsse, die Geschlechtszugehörigkeit und den jeweiligen ethnisch-kulturellen Hintergrund. Gleichwohl steigt vor allem im hohen Alter das Risiko, dass eine eigenständige und individuell be- friedigende Lebensgestaltung aus vielerlei Gründen nicht oder nur begrenzt möglich ist. Es können ty- pische soziale Altersprobleme auftreten, die die Lebenslage der Betroffenen beeinträchtigen, zu zahlreichen Einschränkungen führen und die in jüngeren Bevölkerungsgruppen unbekannt sind bzw. nur sehr selten vorkommen. Die Rede ist von altersgebundener (sozialer) Ungleichheit . Typische soziale Altersprobleme resultieren vor al- lem aus der Aufgabe der Berufstätigkeit. Mit der Beendigung der Erwerbstätigkeit entfällt nicht nur ein zentraler Lebensinhalt, sondern mit dem Weg- fall des Arbeitseinkommens zugleich die Grund- lage der materiellen Existenzsicherung. Ältere Menschen sind deshalb auf ein Einkommen, das nicht an eine Arbeitsleistung gekoppelt ist, existen- ziell angewiesen. Ein ausreichendes Alterseinkom- men ist grundlegende Voraussetzung dafür, dass auch ältere Menschen aktiv und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und teil- haben können. Um auch im Alter so lange wie möglich unabhängig und selbstständig zu leben, eine angemessene Wohnung zu unterhalten, soziale Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten sowie um die viele freie Zeit aktiv zu gestalten – dazu bedarf es ausreichender Finanzmittel. Die Berufsaufgabe bringt aber nicht nur Schwierig- keiten und Probleme mit sich. Dadurch werden auch zeitliche Freiräume für lang geplante Betäti- gungsmöglichkeiten geschaffen. Insbesondere bei einer zufrieden stellenden materiellen Absicherung und bei guten gesundheitlichen Verhältnissen wird das Alter für viele zu einer langen, eigenständigen und ausfüllenden Lebensphase mit hoher individu- eller Zufriedenheit. Im Alter nicht mehr arbeiten zu müssen und die Phase des „Ruhestands“ genie- ßen zu können, ist eine der herausragenden Leis- tungen des Sozialstaats überhaupt. Erst durch die
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