Handbuch 5. Auflage

Informationstechnologien in der Sozialen Arbeit  711 Informationsbereitstellung 1. und –beschaffung in Form von Websites, Portalen oder Newslettern. Kommunikation 2. , etwa in arbeitsfeldbezogenen Fo- ren und Mailinglisten von Professionellen oder Selbsthilfeinitiativen oder in der E-Mail- oder On- line-basierten Beratung von Klienten ( → Kutscher, Soziale Arbeit im virtuellen Raum). Informationsverarbeitung und -produktion 3. in der Verknüpfung organisationaler und fachlicher An- forderungen und Prozesse etwa im Bereich der Do- kumentation (z.B. mittels Office-, Buchhaltungs-, Intranet- und Fachanwendungen, Kreidenweis 2004a, 51 ff.). IT berührt insbesondere dann den professionellen Kern Sozialer Arbeit, wenn fallbezogen und „ak- tenförmig“ das fachliche Handeln geplant, doku- mentiert und evaluiert wird oder wenn IT-gestützte Screening- und Profilingverfahren eingesetzt werden, die auf Interventionen und professionelle Inferenzen Einfluss haben können (Klatetzki 2005, 267 ff.). Deutlich wird dies bspw. in der sozialpolitischen Innovationsstrategie „Every Child matters“ der britischen Regierung, die als Antwort auf spektakuläre Kindeswohl­ gefährdungen landesweit verpflichtend ein Assess- ment Tool („Common Assessment Framework“), einen Vernetzungsdienst („ContactPoint“) für alle Professionellen, die am gleichen Fall arbeiten, und eine umfassende Fall-Datenbank („The Inte- grated Children’s System“, ICS), die auch die ver- schiedenen Anwendungen verbindet, einführte. Verschiedene Begleitforschungen weisen auf gra- vierende Probleme der Implementation, der tech- nokratischen Durchführung wie auch mögliche deformierende Effekte für die professionelle Pra- xis hin, bspw. durch überbordende Dokumenta­ tionsaufgaben und eine zu starke Vereinheitli- chung der Diagnostik („descriptive tyranny“, White et al. 2009), die sich an einer lebenswelt­ lichen Annäherung an den Fall reibt (Peckover et al. 2008, Shaw / Clayden 2009). Die Einführung von Informationssystemen in der Sozialen Arbeit wird mit unterschiedlichen Intentionen verbun- den: Impulsgeber gerade in frühen Phasen war häufig 1. das organisational induzierte Bemühen um eine Rationalisierung durch Verwaltungsvereinfachung und -optimierung, besonders ausgeprägt im sozial­ administrativen Bereich der (wirtschaftlichen) Ju- gendhilfe, der Sozialhilfe wie auch der Arbeits(lo- sen)verwaltung. Die 2. Auswertung statistischer Daten hingegen wird häufig auch organisationsextern durch (sozial-)po- litische Steuerungsbestrebungen auf kommunaler, landes- und bundespolitischer Ebene angestoßen (für die Jugendhilfe: Landes 2005, für die Drogen- hilfe: Schmid 2006). Während die Einführung von Fachsoftware in den 3. frühen Phasen selten aus einem professionellen oder disziplinären Bestreben heraus erfolgte, gibt es mittlerweile – auch bedingt durch technologische Innovationen – vermehrt Modellprojekte, die den Schwerpunkt auf eine fachliche Perspektive legen, etwa bezogen auf Dokumentation und (zielorien- tierte) Hilfeplanung (Spiegel /Middendorf 2007), oder mit methodischem Fokus, bspw. auf das Case Management (Poguntke-Rauer et al. 2007). Bilanzierend bleibt festzuhalten, dass die Intentio- nen für die Nutzung von IT aufgrund der Beschaf- fenheit des Computers als „universale Maschine“ mannigfaltig sein können: die Leistungen der Infor- mationstechnologie variieren mit den Beschreibun- gen seiner Aufgaben (Funken 1997). Im Sinne der Adressaten kann sie Zugänge „erleichtern“ (z. B. Anonymität in der Onlineberatung), im Sinne der Professionellen kann und soll sie die Wissensbasis erweitern respektive die Dokumentation qualifizie- ren (im Sinne eines „computerunterstützten päd- agogischen Fachhandelns“ Bolay /Kuhn 1993, 209 ff.), und für die Organisationen kann sie die Wissensbasis vernetzen und das „organisationale Gedächtnis“ unterstützen. Der wissenschaftliche Diskurs Auf disziplinärer Ebene existieren bislang erst zag- hafte Ansätze, die eine in theoretischer oder empiri- scher Hinsicht grundlegende analytische Perspektive auf die Informatisierung Sozialer Arbeit einnehmen (so auch Bolay 2005, Jurgovsky 2002). Vereinzelt existieren empirische Fallstudien (Bolay/Kuhn 1993), Analysen zur Verhältnisbestimmung von IT und Sozialer Arbeit im Allgemeinen (Meyer 1991; Jurgovsky 2004; Peterander 2001) oder im Hinblick auf das Verhältnis von Informatisierung und profes- sionellem Handeln (Ley/Seelmeyer 2008).

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