Handbuch 5. Auflage
712 Ley · Seelmeyer Vereinzelt gibt es Bestrebungen der Etablierung einer „Sozialinformatik“, die sich dieses Gegen- stands annimmt (Kreidenweis 2008; Wendt 2000). Institutionell hat sich dies zum gegenwärtigen Zeitpunkt in einigen entsprechenden Denomina- tionen von Fachhochschul-Professuren sowie zwei Masterstudiengängen (Eichstätt, St. Gallen) nie- dergeschlagen. Die Sozialinformatik befasst sich nach Wendt „mit der systematischen Verarbeitung von Informationen im Sozialwesen in ihrer tech- nischen Konzipierung, Ausführung und Evalua- tion, und sie geht damit verbunden den Bedingun- gen, Wirkungen und sozialen Begleiterscheinungen des Technologieeinsatzes nach. Kurz: die Sozial- informatik nimmt fachliche Verantwortung für den Produktionsfaktor Information im System so- zialer Dienstleistungen und ihrem Umfeld wahr“ (Wendt 2000, 20). Vorherrschend ist hier eine an- wendungsorientierte Perspektive, die sich – unter Bezugnahme auf Inhalte aus Managementlehre und angewandter Informatik – mit Grundlagen und Fragen eines angemessenen Einsatzes von IT innerhalb von Organisationen der Sozialwirtschaft befasst. Entsprechend bearbeiten die wenigen em- pirisch ausgerichteten Projekte hier eher praxisnahe Fragestellungen, wie etwa die Unterstützung von Hilfeplanung durch Softwareprodukte für den ASD (Kreidenweis 2005). Im angloamerikanischen Raum werden entspre- chende anwendungsorientierte Debatten unter dem Begriff „Human Services Technology“ geführt (exemplarisch Schoech 1999). Wichtige Diskurs- Orte sind die etwa alle 2–3Jahre stattfindenden Konferenzen des internationalen Netzwerkes HU- SITA (Human Service Information Technology Ap- plications) sowie die Zeitschriften „NewTechnology in the Human Services“ (2003 eingestellt) und „Journal of Technology in Human Services“. In jün- gerer Zeit findet hier auch der Begriff der „Social Work Informatics“ Verwendung (Parker-Oliver/De- miris 2006). „Social Informatics“ – als begriffliches Pendant zum deutschen Begriff der „Sozialinforma- tik“ – versteht sich hingegen deutlich breiter und beschränkt sich nicht auf den Gegenstandsbereich sozialer Dienstleistungen, sondern fokussiert ganz allgemein den sozialen und gesellschaftlichen Ver- wendungszusammenhang informationstechnologi- scher Systeme (Kling 2007). Entsprechend wurde auch schon mehrfach die enge, auf Soziale Arbeit beschränkte Verwendung des Begriffes der „Sozial- informatik“ kritisiert (Jurgovsky 2004). Kritisch- analytische Beiträge liegen insbesondere zum Einfluss von IT auf wohlfahrtsstaatliche Unterstützungssys- teme (Harlow/Webb 2003) und deren gesellschafts- analytische Reflexion (Webb 2006; Garrett 2005) wie auch (mögliche) Auswirkungen auf professio- nelles Wissen und Handeln (Kreuger et. al. 2006; Parton 2006; Coleman/Harris 2008). Analytische Elemente einer Theorie der Informatisierung Sozialer Arbeit Da in der Theoriebildung zur Sozialen Arbeit die Re- flexion der Nutzung von Informationstechnologien noch weitgehend eine Leerstelle bildet, sollen im Folgenden verschiedene Zugänge skizziert werden, die wichtige Elemente hierzu beisteuern können. Es handelt sich dabei um medientheoretische, organisa- tionstheoretische, arbeitswissenschaftliche und tech- niktheoretische Ansätze, die Informationstechnolo- gien in ihrem sozialen Anwendungszusammenhang und ihrer subjektiven Aneignung analysieren. Die 1. medientheoretische Perspektive fokussiert das Medium an sich, dessen Nutzer und seine kon- textualisierte Rezeption (Charlton / Neumann- Braun 1992) wie auch die Medienwirkung (Bonfa- delli 2004). Obwohl die Medialisierung auch arbeitsweltliche Felder stark durchdrungen hat, findet dieser Vorgang in der Medienforschung bis- lang kaum Beachtung (Bergmann 2006, 392): Me- dien werden fast durchgängig als Verbreitungs- und Konsumtionsmedien in den Blick genommen, deren Rezeption primär in der Freizeit und Privat- sphäre erfolgt. Die neueren „studies of work“ allerdings analysieren aus einer mikrologischen Perspektive Medien als Ressourcen professioneller Arbeit, die mediatisierten Arbeitsvollzüge und die situative Vermittlung von Subjektivität und Technik (Bergmann 2006; Heath / Knoblauch 1999; Heath / Luff 2000). Organisationstheoretische 2. Ansätze nähern sich auf unterschiedliche Weise dem Gegenstand: Aus ■ ■ mikropolitischer Perspektive werden Organisa- tionen als politische Arenen und ihr Handeln als eines mit „begrenzter Rationalität“ analysiert. Im- plementationen sozio-technischer Anwendungen
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