Handbuch 5. Auflage

Informationstechnologien in der Sozialen Arbeit  713 werden dabei als kontingentes Resultat politisch- praktischen Handelns der beteiligten Akteure kon- zipiert (Becker et al. 1990). Im Kontext der Sozial- verwaltung haben Brüggemeier et al. (2005) die unterschiedlichen Arenen (Auslöse-, Konzeptions-, Implementations- und Routinisierungsarena) mit ihren divergenten Akteurskonstellationen, den je- weiligen Machtquellen und Handlungsstrategien der Akteure, sowie ihren Kämpfen und Spielen in den Blick genommen. Eine ■ ■ neo-institutionalistische Sichtweise fokus- siert – in Abgrenzung zu zweck-rationalen und ökonomischen Erklärungsmustern – das Verhältnis von Organisation und Institutionen. Der Begriff der Institution steht hier für eine gesellschaftliche Um- welt, die relevanten Einfluss auf das Handeln in und von Organisationen nimmt. Fasst man informa­ tionstechnologische Entwicklungen als Institutio- nen, so lässt sich die Implementation entsprechen- der „Lösungen“ und die ihnen zugeschriebene „Problemlösungsfähigkeit“ empirisch nicht selten als „Rationalitätsmythos“ aufklären (Benders et al. 2006, für das Arbeitsamt: Bahnmüller / Faust 1992). Eine system- bzw. ■ ■ entscheidungstheoretische Per- spektive (Schimank 1986; Brosziewski 2002; Tacke 1997) richtet den Fokus auf organisatorische Ent- scheidungen und deren Informatisierung und ver- weist auf eine gestiegene Fragilität der Informa­ tionsbasis (Informatisierung als Risikoerhöhung und Verstärkung von Kontingenz) wie auch eine in erhöhtem Maße notwendige „Selektionskompe­ tenz“ für Akteure in Organisationen. Das (industriesoziologische) 3. arbeitswissenschaft­ liche Konzept der Informatisierung von Arbeit (Schmiede 1996; Baukrowitz et al. 2006; Pfeiffer 2004) begreift Informatisierung als historischen Prozess, der in immanentem Zusammenhang mit kapitalistischer Verwertungslogik steht. Hier wer- den mediatisierte Arbeitsvollzüge und deren sub- jektive Aneignung von industriellen Facharbeitern im Horizont ihres beruflichen Erfahrungswissens empirisch analysiert. Übertragen auf soziale Dienste ließen sich sozio-technische Anwendun- gen – in ihrer o.g. Verquickung als Arbeitsmittel und Organisationstechnologie – in den Dimensio- nen einer Technologisierung der Arbeitsorganisa- tion, einer Mediatisierung der Dienstleitung und einer Virtualisierung des „professionellen Raumes“ fassen (in Anlehnung an Pfeiffer 2004, 194). Eine 4. techniktheoretische Perspektive fragt nach der Genese von Techniken, den Folgen der Technik sowie der Relationierung von Technik und Nicht- Technik unter der Perspektive heterogener Ak­ teur-Netzwerke und schließlich nach der Hand- lungsträgerschaft von Technik (zusammenfassend Rammert 2007). Für die Soziale Arbeit zugespitzt: Wie viel Wirkmächtigkeit schreiben wir der Technik in sozialpädagogischen Institutionen zu? In dieser Perspektive ist Technik ein Artefakt, das eigensin- nig in den Alltag der Nutzer eingreift, ihn verändert und sie zu Handlungen provoziert. In der Verarbeitung und Zusammenführung der hier zusammengestellten – und möglicherweise weiterer erforderlicher – Analyseansätze lassen sich Modelle entwickeln, mit denen die Nutzung von IT in der Sozialen Arbeit theoretisch be- schreibbar und damit auch tiefergehend für For- schung zugänglich wird. Eine Heuristik, die Kut- scher et al. (2010) entwickeln, rückt die Nutzung von Informationstechnologien ins Zentrum und versteht diese als Resultat einer wechselseitigen Durchdringung von Nutzer, Kontext, Gegenstand und Technik. Nutzungsweisen und Aneignungs- prozesse von IT ergeben sich demnach vor dem Hintergrund der biographisch-individuellen wie auch sozial- ■ ■ strukturell-habituellen Voraussetzungen auf Seiten des Nutzers und der gesellschaftlichen, kulturellen, organisationa- ■ ■ len, rechtlichen Kontexte und weiterer struktureller und sozialer Rahmungen, in denen die Nutzung si- tuiert ist. Sodann wird bedeutsam, welche Gegenstände und Inhalte professioneller ■ ■ Sozialer Arbeit formalisiert werden und wie dies mit den verfügbaren bzw. eingesetzten ■ ■ Technologien korrespondiert (Kutscher et al. 2010). Herausforderungen für Forschung, Ausbildung und Praxis Die zunehmende Informatisierung Sozialer Ar- beit greift nicht nur auf einer vordergründigen Ebene in fachliche Arbeitsprozesse ein, sondern führt auch zu einer Transformation professionel- ler Wissensformen sowie Wahrnehmungs- und

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