Handbuch 5. Auflage

718 Nieke  er auch in der Kulturanthropologie oder Ethnolo- gie aus methodologischen Gründen selbstver- ständlich ist. In der Konsequenz eines solchen Verständnisses des Verhältnisses der Mehrheit und der Minderhei- ten, definiert über Sprache und Kultur, wurde etwa ab 1980 in der westdeutschen Erziehungswissen- schaft ein Spezialkonzept von Interkultureller Päd- agogik (Auernheimer 2003; Nieke 2008) ent- wickelt, und zwar zunächst für die Schulpädagogik und dann für die Vorschulerziehung. Der Kern dieses Konzepts bestand in der Aufgabe, die Ange- hörigen der kulturellen Mehrheit und der kulturel- len Minderheiten zu einem vernünftigen Zusam- menleben in einer als dauerhaft multikulturell verstandenen Gesellschaft anzuregen und zu be- fähigen. Es ist daher von der Ausländerpädagogik zu unterscheiden, die sich um spezifische Hilfen für die Kinder der zugewanderten Arbeitnehmer bemühte. Korrespondierend dazu gab es erste Ansätze zu einer Interkulturellen Sozialen Arbeit, die sich vor allem für die Felder der Kinder- und Jugendhilfe, die vorschulische Betreuung und Bildung und die außerschulische Jugendbildung, das gleiche Ziel setzte. Da sich ein solcher Ansatz in gleicher Weise an die Angehörigen der kulturellen Mehrheit und der kulturellen Minderheiten richtete, war nun nicht mehr die Sprachkompetenz für die Rekrutie- rung des Fachpersonals ausschlaggebend, sondern nun konnte das Gebot der Fachlichkeit problemlos umgesetzt werden. Da diese Aufgabenstellung Be- sonderheiten in sich barg, entwickelte sich auch in der Ausbildung des Fachpersonals für die Soziale Arbeit, zunächst für die Arbeitsfelder der vorschu- lischen Erziehung und der Jugendhilfe (Jugend- berufshilfe, Heimerziehung, Betreuung unbeglei- teter Flüchtlingskinder), alsbald ein spezielles Profil für Interkulturelle Soziale Arbeit, ganz ent- sprechend dem Entstehen der Interkulturellen Pädagogik als Querschnittsthema für Schulpäd­ agogik, Erwachsenenbildung, Berufspädagogik und Sonderpädagogik. Das existierende Personal der Sozialdienste für Ausländer sorgte dafür, dass hier – anders als zunächst in dem Diskurs über Interkulturelle Pädagogik – von Anfang an die an- gemessene und gleichberechtigte Beteiligung von Angehörigen der Minderheiten mit ihrer spezi- fischen Kompetenz in Sprache und Kultur als Fachkräfte realisiert werden sollte. Diese Forderung scheitert bis heute daran, dass sich zu wenige Angehörige der Zuwandererethnien für ein Studium der Sozialen Arbeit entschließen, weil die Lebenspläne der Familien für ihre Kinder zwar einen sozialen Aufstieg, auch und gerade durch ein akademisches Studium, generell vor- sehen, dies jedoch nicht in einer Tätigkeit in der Sozialen Arbeit realisiert sehen. Selbstreflexive Interkulturelle Soziale Arbeit Entsprechend den Diskursen in der Theorie der Sozialen Arbeit über den reflexiven Habitus des Professionellen, mit dem die eigene Verstrickung in zunächst undurchschaute Affirmationen bestehen- der Herrschaftspraktiken zur Aufrechterhaltung einer ressourcenbezogenen sozialen Ungleichheit durch das professionelle Handeln sichtbar und kritisierbar gemacht werden soll, wurde das auch auf die Interkulturelle Soziale Arbeit angewendet. Hier lassen sich zwei Diskursstränge ausmachen, die zwar Bezüge zueinander aufweisen, aber doch jeweils theoretisch eigenständig argumentieren. Kritik des Kulturrelativismus aus soziologischer Perspektive Stärker und früher als im Diskurs der Interkultu- rellen Pädagogik wurde von Fachvertretern der Sozialen Arbeit (etwa von Hamburger, zuletzt zu- sammengefasst 2009) von Anfang an das Konzept des Kulturrelativismus, das der anfänglich vertre- tenen Zielvorstellung einer multikulturellen Ge- sellschaft zu Grunde lag, als kulturalistisch ver- kürzend kritisiert, indem an die Stelle der Perspektive auf die Kulturdifferenzen eine sozio- logische Sichtweise zur Aufklärung von gewollt betriebener sozialer Ungleichheit gesetzt wurde: Die Lebenslagen der Zuwanderer seien mit dem Konzept der Kulturdifferenz nicht zutreffend zu beschreiben; die Erklärungsversuche über eine Differenz der Lebenswelten und Kulturen ver- schleierten die tatsächlichen Ursachen, nämlich die Dominanz der Mehrheit über die Minderheit und das Bestreben der Angehörigen der Mehr- heit, die Angehörigen der Minderheiten nicht zu gleichen Konditionen an den zu knappen Gütern

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