Handbuch 5. Auflage
Alter 73 allgemeine Gewährung von Altersrenten und durch die Festlegung von Altersgrenzen weit unterhalb des Sterbealters hat sich die eigenständige Lebens- phase Alter herausbilden können. Aktivitätsspielraum und die Möglichkeit zur selbst- ständigen Lebensführung der älteren Menschen werden darüber hinaus ganz entscheidend durch ihren Gesundheitszustand geprägt. Neben dem Ein- kommen ist das gesundheitliche Befinden die zweite Schlüsseldeterminante der Lebenslage im Alter. Zwar sind Altwerden, Altsein und Krankheit nicht identisch und auch nicht notwendigerweise mit- einander verbunden. Krankheit ist keine unaus- weichliche Begleiterscheinung des Alters. Dennoch verschlechtert sich im Allgemeinen die gesundheitli- che Lage im höheren Lebensalter. Hinzu kommt eine alterstypische Verschiebung in der Morbiditäts- struktur: Chronische Erkrankungen und Multimor- bidität, in sehr hohem Alter häufig in Verbindung mit demenziellen Erkrankungen, kennzeichnen das typische geriatrische Krankheitsmuster. In der Kon- sequenz sind Erreichbarkeit, Quantität, fachliche Angemessenheit sowie Qualität sozialer, gesundheit- licher und pflegerischer Dienste und Angebote von besonderer Bedeutung für die Lebenslage älterer Menschen, vor allem aber sehr alter Menschen. Mit Blick auf das Alter lassen sich gewichtige sozi- alpolitisch relevante soziale Risiken wie folgt syste- matisieren: Probleme einer dauerhaften Integration im Er- ■ ■ werbsleben, Einkommensrisiken beim Ausscheiden aus dem Er- ■ ■ werbsleben, Verlust von Möglichkeiten der sozialen Integration, ■ ■ Besondere Morbiditätsrisiken und höheres Pfleg- ■ ■ bedürftigkeitsrisiko, Probleme in der Aufrechterhaltung der selbststän- ■ ■ digen Lebensführung. Trotz hoher Bedrohung durch soziale Risiken ist Alter selbst keine Lebensphase, die per se haupt- sächlich oder gar primär durch soziale Probleme gekennzeichnet wäre. Im Gegenteil: Die weit über- wiegende Mehrheit der Älteren in Deutschland lebt vergleichsweise frei von sozialen Risiken und Problemen. Vorsichtige Schätzungen kommen auf ein tatsächliches Risiko- und Problempotenzial von zwischen 15 und 20% in der Gruppe 65+, das sich allerdings auf bestimmte Teilgruppen konzen- triert: Insbesondere sehr alte Menschen, darunter viele alleinlebende ältere Frauen, ältere Menschen aus den unteren Sozialschichten und / oder ältere Menschen mit Migrationsgeschichte weisen derzeit die höchsten Risikoquoten auf. Darüber hinaus können regionale Unterschiede z. B. in den Ar- beitsmarkt- und Beschäftigungschancen oder Dis- paritäten in den Angebots- und übrigen Versor- gungsstrukturen mit sozialen Diensten zu einer höheren Risikobetroffenheit im Alter führen. In der Konsequenz wird deutlich, dass sich die Le- bensphase Alter durch soziale Ungleichheiten auszeichnet, bei der Einflüsse der Schicht-, Ge- schlechts-, Kohorten- und Altersgruppenzugehörig- keit ineinander greifen. Zu erkennen ist eine zuneh- mende soziale Differenzierung und Heterogenisierung des Alters in Lebenslagen unterschiedlicher Qualität und mit unterschiedlichem sozial- und altenpoliti- schem Handlungsbedarf. Man kann von einer Pola- risierung des Alters in ein „positives“ und ein „nega- tives“ Alter ausgehen. Das „positive“ Alter ist gesund, aktiv, sozial integriert und verfügt über ein hohes Maß an Selbsthilfepotenzialen und Selbstorganisa tionsfähigkeit. Nicht zuletzt ist es bei wachsenden Gruppen durch gute bis sehr gute Einkommens- und Vermögensverhältnisse gekennzeichnet, die durch Vererbung – bereits relativ Wohlhabende erben rela- tiv gesehen mehr – immer weiter verbessert werden. Demgegenüber sind Hauptmerkmale des „negati- ven“ Alters neben finanziellen Einschränkungen zu- meist sehr hohes Alter sowie häufig Krankheit, Pfle- gebedürftigkeit und gesellschaftliche Desintegration. Bestimmungsfaktoren künftiger sozialer Risiken und Probleme des Alters und Aspekte ihrer Relativierung Die Feststellung, dass das „positive“ Alter für die Situation der Mehrheit der älteren Generation in Deutschland typisch ist, darf allerdings nicht um- standslos in die Zukunft verlängert werden. In An- betracht der weiteren ökonomischen und demogra- fischen Entwicklung sowie der Ungewissheit über die künftige Richtung der Sozialpolitik ist es eine offene Frage, ob es künftig mehr oder weniger pro- blematische Lebenslagen im Alter gibt. Der Gruppe von älteren Menschen in zufrieden stellenden bis
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