Handbuch 5. Auflage

720 Nieke  schismus ein sozialdarwinistisches Weltbild der Populationskonkurrenz transportieren, um damit Ausgrenzung, Relegation und Segregation der meist rassisch differierbaren Minderheiten zu for- dern. Dieser Diskurs gewinnt an Schärfe, nachdem vermehrt Zuwanderer aus einem Gebiet kommen, das nach überkommenem Verständnis nicht zu Europa gehört, nämlich zunächst aus Nordafrika und der Türkei. Da dieses Ablehnungsmotiv bis weit in die welt- anschauliche Mitte der Gesellschaft reicht und auch auf dem sog. linken Spektrum anzutreffen ist, kann es nicht einfach als inakzeptabel rechtsgewirkt abgetan werden, sondern muss in den zu Grunde liegenden Ängsten ernst genommen werden. Als Lösung dieses Problems wird nun wieder das propagiert, was vor 1980 die Antwort auf die Mar- ginalisierung der Zuwanderer gewesen ist: forcierte Unterstützung der sozialen Integration der Mig- ranten durch Assimilationsanforderungen. Insofern kann diese Position als Neo-Assimilationismus be- zeichnet werden (Otto / Schrödter 2006). Die bisherigen Diskurse des Neo-Assimilationis- mus sind davon gekennzeichnet, dass sie faktisch eine Zwangsakkulturation fordern, also eine ei- gene Anstrengung der Zuwanderer, ihre Her- kunftskultur zu verlassen und sich der Mehrheits- kultur möglichst vollständig anzupassen. Wer dies nicht mag oder kann, wird Sanktionen unterwor- fen, die bis zur dauerhaften Ausweisung gehen sollen (zu möglichen theoretischen und prakti- schen Alternativen s. Nieke 2006). Theoretische Diskurse zum Verstehen und zur Orientierung des Handlungsfeldes einer Sozialen Arbeit für und mit MigrantInnen und einer interkulturellen Sozialen Arbeit In der ersten Zeit der Beschäftigung mit den neu entstehenden Aufgaben für die Soziale Arbeit durch die Zuwanderung von ArbeitnehmerInnen und ihren Familien und durch Flüchtlinge standen die praktischen Probleme im Vordergrund. Sie wurden auf der Basis der bisherigen Handlungskonzepte mit ähnlichen Zielgruppen und durch intuitiv- pragmatische Strategien anzugehen versucht. Ab 1980 setzen Diskurse ein, welche die praktischen Aufgaben in übergreifende Reflexionszusammen- hänge zu stellen beginnen. Darüber informieren Eppenstein /Kiesel (2008). Hier fließen überwie- gend die Positionen und Kontroversen von Dis- kursen über Gerechtigkeit und Wertkonflikte ein, die an anderer Stelle geführt werden, die für eine Soziale Arbeit, die sich dem Anspruch auf Berück- sichtigung von Kulturspezifika stellen will, aber in besonderer Weise bedeutsam werden können. Das beginnt mit der Übernahme angelsächsischer Konzepte zu einer antirassistischen Erziehung (sehr früh bereits Auernheimer 2003, in der ersten Auf- lage von 1990), weil in diesem Sprachraum die Kategorie Rasse für die alltäglichen und politischen Auseinandersetzungen zentral war und ist. In Deutschland wird das entweder auf den rechts- extremen Antisemitismus und Diskriminierungen von Afrikanern beschränkt oder über das Konzept eines Kulturrassismus auf eine interaktive und in- stitutionelle Diskriminierung von nichtdeutscher und nichteuropäischer Kultur als Lebenswelt ein- schließlich der äußerlich sichtbaren Körperstilisie- rungen übertragen. Dabei gibt es eine Kritik an der Verwendung des deutschen Terminus „Rasse“, mit dem Hinweis auf die unaufhebbare Belastung, die dieses Wort durch den Nationalsozialismus im Deutschen erhalten habe. Deshalb wird versucht, an seine Stelle den Terminus „Ethnie“ aus der Eth- nologie zu entlehnen und zu verwenden. In diesem Begriff werden sowohl sichtbare Körpermerkmale als auch kulturelle Elemente zu einer Wahrneh- mungs- und Orientierungseinheit zusammenge- fasst. Die Antwort der Sozialen Arbeit auf diese gesellschaftliche Problemlage sind die Konzepte einer allgemeinbildenden antirassistischen Jugend- arbeit in der außerschulischen Jugendbildung, die auch als Angebote von Trägern der Kinder- und Jugendhilfe für in der Regel zeitlich eng begrenzte schulische Projekte (etwa in Projekttagen, in denen der übliche Stundenplan außer Kraft gesetzt ist) realisiert werden. Ebenfalls in Übernahme eines Diskurses aus dem angelsächsischen Sprachraum wird in der Frauen- forschung und Behindertenpädagogik eine sog. Intersektionalität (etwa Riegraf 2009) diskutiert, und damit ist eine Überschneidung von mehreren Feldern gemeint, in denen strukturelle Diskrimi- nierung wirkt: class, race, gender, ability, age, ethnicity. Zu den geläufigen Kategorien der Klas- sen- oder Schichtzugehörigkeit, der Rasse, des Geschlechts, der Behinderung und des Alters kommt hier die Ethnizität (Klinger et al. 2007)

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