Handbuch 5. Auflage

Interkulturelle Soziale Arbeit 721 hinzu, die Fremd- und Selbstzuschreibung eines Menschen zu einer Ethnie, die durch Merkmale wie gemeinsame (Minderheits)Sprache, Religion, Orientierungssystem (Kultur), Rasse und Ab- stammung definiert ist. Damit lässt sich die Le- benslage von Migrantinnen genauer beschreiben als das vorher möglich war. Vieles von dem, was in Deutschland in den sich „interkulturell“ etikettierenden Ansätzen themati- siert und angestrebt wird, überdeckt sich vollstän- dig mit dem, was im englischsprachigen Diskurs mit ethnicity angesprochen wird. Markanterweise fehlt der Kategorie Kultur das für Ethnizität wich- tige Merkmal der Visibilität, der äußerlich mögli- chen Diskriminierbarkeit, etwa über die Schemata differenter Rassenzugehörigkeit. Der Terminus In- tersektionalität ist allerdings etwas missverständlich, weil er semantisch auf ein Dazwischen verweist, während es dem Konzept um die verstärkende Ku- mulation von Effekten durch eine Überlappung von Diskriminierungsfeldern geht. Um ein Mobilitätsmuster zu beschreiben, das über mehrere Staats- und Kulturgrenzen hinweg und hin und her verläuft, werden die Termini Transkulturalität und Transnationalität verwendet (statt anderer Pries 2008; Homfeldt et al. 2008), vermutlich weil die Wortbildungen mit inter - die Assoziation von binären Wanderungen zwischen jeweils nur zwei Staats- und Kulturräumen erzeu- gen. Diese Termini stehen in Widerspruch zu ei- ner anderen, etablierten Begrifflichkeit von trans- kultureller Psychiatrie und transkultureller Pädagogik, die auf ein Verlassen der Kultursphäre verweisen, indem auf anthropologische Univer- salien jenseits jeder Kulturprägung geschaut wird (Nieke 2008, 171 ff.). Was soll interkulturell sein an der Sozialen Arbeit? Das Programm einer interkulturellen sozialen Ar- beit erklärt sich nicht ohne weiteres aus sich selbst heraus. Dabei kann an eine Arbeitsaufgabe zwi- schen den Kulturen gedacht werden, wo sich so etwas wie Zwischenwelten gebildet haben könnten (Gemende et al. 1999; Gemende 2002). Ein ge- nauerer Blick zeigt jedoch zumeist, dass es sich nicht um neuartige Zwischenwelten zwischen zwei oder mehr Kulturen handelt, sondern um Varia- tionen innerhalb einer bestehenden Kultur, ver- standen als Lebenswelt, und um ein Hin- und Her- schalten (switching) zwischen Sprachen und Kulturen im alltäglichen Wechsel von different ge- prägten Sozialräumen. Meist wird mit interkultureller sozialer Arbeit je- doch einfach die Aufgabe angesprochen, Menschen mit Migrationsgeschichte in ihrer spezifischen Le- benslage, die durch die freiwillige oder erzwungene Wanderung von einem Sprach- und Kulturraum in einen neuen zunächst ihrer Alltagskompetenz be- raubt sind, Hilfen zur effektiven Bewältigung die- ses Kompetenzverlustes zu geben. Das ist ein deut- lich anderer Begriff von interkulturell als in den Ansätzen Interkultureller Pädagogik, in denen es immer um die Bearbeitung des Verhältnisses zwi- schen Angehörigen verschiedener Lebenswelten mit differenter Machtausstattung geht. Allerdings findet sich ein Überschneidungsbereich zwischen interkultureller sozialer Arbeit und interkultureller Pädagogik, etwa im Bereich der außerschulischen Jugendbildung gegen Rassismus und für kulturelle Toleranz (Freise 2005). Die Zielgruppe interkultureller sozialer Arbeit hieß zunächst Ausländer , Gastarbeiter , Migranten , und neuerdings wird sie als Menschen mit Migrationshin- tergrund (Boos-Nünning 2009) oder Menschen mit Migrationsgeschichte bezeichnet. Damit sollen ab- wertende Konnotationen möglichst vermieden wer- den, und es soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass auch Menschen mit deutscher Staats- angehörigkeit, nämlich die sog. Aussiedler, dazu zu rechnen sind sowie in Deutschland geborene und aufgewachsene Nachkommen von Einwanderern ohne die direkte Erfahrung des Kompetenzverlustes beim Übertritt in einen anderen Sprach- und Kul- turraum. Beide Bezeichnungen verfehlen jedoch das Wesentliche: Keineswegs alle Menschen mit Migra- tionsgeschichte gehören zur Zielgruppe interkultu- reller sozialer Arbeit, sondern nur einTeil von ihnen: beispielsweise nicht Österreicher oder US-Amerika- ner, sondernTürken oder Aussiedler aus Kasachstan. Die Zielgruppe für interkulturelle soziale Arbeit sind also nur solche MigrantInnen, die andauernde Pro- bleme im Zurechtfinden im neuen Sprach- und Kulturraum und mit der Zugehörigkeit zur neuen Staatsbevölkerung haben oder von Einheimischen gemacht bekommen. Von Anfang an durchzieht den Diskurs über inter- kulturelle soziale Arbeit die Frage, ob es angemes-

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