Handbuch 5. Auflage
722 Nieke sener sei, spezielle Hilfen für MigrantInnen zu konzipieren und anzubieten oder ob es ausreiche, diese Aufgabe als Querschnittsthema für alle Dienste der Sozialen Arbeit vorzusehen, was als interkulturelle Öffnung sozialer Dienste diskutiert wird (IDA 2010). Es begann mit sprachspezifischen Ausländersozial- diensten durch großenteils fachlich unausgebildete sprachkundige MigrantInnen, und von dieser Er- fahrung aus wird bis heute gefordert, dass in den sozialen Diensten für diese Zielgruppe Angehörige der Personengruppen mit entsprechenden Sprach- und Lebensweltkenntnissen tätig sein sollten. Dies gelingt nicht leicht, weil es nur wenige Angehörige der im Blick stehenden Migrantengruppen gibt, die sich für eine berufliche Tätigkeit in der Sozialen Arbeit interessieren lassen. In beiden Fällen kommt es auf interkulturelle Kompetenz oder interkultu- relle Sensibilität an (Eppenstein /Kiesel 2008). Der gegenwärtige Diskurs über interkulturelle Päd- agogik orientiert sich auf eine mögliche Einord- nung dieses politischen und pädagogischen Pro- gramms in doing diversity , also eine umfassende Berücksichtigung der Verschiedenheit von Men- schen und Menschengruppen mit dem Bezugs- punkt einer vollständigen Gleichwertigkeit der Differenzen. Das würde dann auch für die inter- kulturelle soziale Arbeit gelten (Leiprecht 2008; Kessel / Plößer 2010). Aussichtsreich erscheint auch die Neuinterpretation der interkulturellen sozialen Arbeit durch den capabilities approach (Otto / Ziegler 2008). Dieser Ansatz basiert auf Überlegungen von Sen und Nussbaum und erwei- tert den Grundgedanken, dass Soziale Arbeit sich an der grundsätzlichen Gleichheit der Menschen zu orientieren habe über das Konzept der Ermögli- chung von Chancengerechtigkeit (alle sollen die- selben Chancen haben, gesellschaftlich begehrte Güter oder Positionen zu erreichen) oder Chan- cengleichheit (sie ist erreicht, wenn Angehörige al- ler gesellschaftlicher Lagen proportional in höhere Positionen gelangen können) hinaus in eine dop- pelte Denk- und Handlungsrichtung: Alle Men- schen sollen befähigt werden, ihre Anlagen unge- hindert entfalten zu können. Das hat eine individuelle Seite (Befähigung) und eine gesell- schaftliche (Ermöglichung), und nur wenn zu- gleich die Befähigung und die Ermöglichung koor- diniert unterstützt und installiert werden, kann dieses Ziel optimal erreicht werden. Felder der Hilfe Vier Felder der Hilfe lassen sich nach institutionel- ler Verfassung und spezifischen Anforderungen an professionelle Handlungskompetenz unterschei- den: Migrationsdienst, Flüchtlingsarbeit, Kinder- und Jugendhilfe, Altenarbeit. Die Migrationsdienste waren zunächst sprachspezi- fisch organisiert, was gegenwärtig wegen der Zahl von über hundert Sprachen von Migranten nicht mehr praktikabel ist. Zumeist wird Hilfe in den Hauptsprachen angeboten, kombiniert mit einem Übersetzerdienst für die weniger frequentierten Sprachen. Hier stehen die akuten Probleme vor al- lem durch den ausländerrechtlich besonders ge- regelten Aufenthaltsstatus im Vordergrund. Die Flüchtlingsarbeit steht vor zusätzlichen Pro- blemen, die durch die Ungewissheit der Aufent- haltsperspektive beziehungsweise die schon an- geordnete Rückführung erzeugt werden. In solchen Situationen sind auf Integration angelegte Hilfen nicht angemessen; es kommt auf die situative Stüt- zung der oft traumatisierten Flüchtlinge an. Die Jugendhilfe hat vier voneinander zu unter- scheidende Felder: die frühkindliche Bildung mit früher Sprachför- ■ ■ derung – entweder nur im Deutschen bei einem Assimilationsansatz oder eine bilinguale mit Erhalt der Familiensprache – und einem Bildungsauftrag zu Toleranz in einer sich pluralistisch verstehenden Gesellschaft, wobei dies die Kinder der einhei- mischen Mehrheit mit einbezieht; die außerschulische Jugendbildung mit einer ent- ■ ■ sprechenden Zielsetzung und hinzutretend die in- ternationale Jugendarbeit (Thimmel 2001; Deut- scher Bundesjugendring 2008); die Schulsozialarbeit in der Ganztagsbildung mit ei- ■ ■ nem Fokus auf ethnische Gruppierungen, die in ihrer Abgrenzung Konflikte erzeugen, mit der Aufgabe von Integration als Akkulturation oder interkulturel- ler Bildung als Vorbereitung auf eine sich als dauer- haft multikulturell verstehende Gesellschaft; sozialpädagogische Begleitung der Vorbereitung ■ ■ auf den Übergang in den Beruf im Übergangssys- tem durch forcierte Förderung in Deutsch und Wohlverhalten als Voraussetzungen für die Akzep- tanz in der ökonomischen Sphäre des Erwerbs- lebens.
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