Handbuch 5. Auflage
Jugend 727 nennen. Begrifflich schließt der Begriff Jugendkul- tur an G.A. Wyneken und die Jugenddiskussion der 1920er Jahre an und versteht Jugend im Rahmen der Kultursoziologie (R. Williams) unter dem As- pekt, inwieweit sich Einstellungen, Verhaltenswei- sen, Lebensentwürfe, Kommunikationsformen, Symbolbildungen, Selbstdarstellungen und Kon- fliktpotenziale Jugendlicher als eigenständige kultu- relle Praxis auffassen lassen. In den altershomogenen sozialen jugendlichen Gruppenbeziehungen entste- hen als Gegen entwürfe zur etablierten Erwachsenen- kultur eigene, distinkte Vorstellungen über Aus- sehen, Lebensziele undMuster der Lebensgestaltung, weshalb in der Jugendforschung der 1970er Jahre noch von Subkultur(en) die Rede ist (Baacke 1972; Brake 1980). Ab den 1980er Jahren setzt sich der neutralere Begriff der Jugendkultur durch. Dieser Begriffswechsel verweist darauf, dass Jugendkulturen nicht mehr von der Opposition gegen Erwachsene leben, sondern eine eher positive Orientierungs- funktion für Heranwachsende übernehmen, der sich auch viele Erwachsene nicht entziehen können. Spätestens zu Beginn des 21. Jahrhunderts erstarkt Jugendlich-Sein zu einer universalen Habitusform, zu einem umfassenden Ideal und Lebensgefühl und löst sich tendenziell vom Lebensalter Jugend. Damit kann sich Jugend als gesamtgesellschaftliche Identi- fikationsfolie auch gegen den demografischen Trend behaupten, dass der Anteil junger Menschen in den modernen Industrienationen immer stärker ab- nimmt. Die Einschränkung auf moderne Gesellschaften macht klar, dass Jugend und ihre Strukturentwick- lung kein weltweit einheitliches Phänomen ist. So besteht etwa in den südlichen oder östlichen Schwellen- und Entwicklungsländern die Bevölke- rung noch überwiegend aus jungen Menschen. Viele dieser Länder verzeichnen einen youth bulge (G. Fuller), der in Gesellschaften vorliegt, in denen die 15- bis 24-Jährigen mindestens 20% oder die 0- bis 15-Jährigen mindestens 30% der Gesamt- population ausmachen. Dies verweist darauf, dass Kinder und Jugendliche z. B. in Afrika überwie- gend in durchschnittlich ‚jungen Gesellschaften‘ aufwachsen, während Kinder und Jugendliche in Deutschland, im restlichen Europa und Nordame- rika vermehrt in einer Gesellschaft der Alten er- wachsen werden. Der Umstand fasziniert in gewis- ser Weise: In den modernen Gesellschaften des beginnenden 21. Jahrhunderts dominieren quanti- tativ und in Unterscheidung zu allen bisherigen historischen Gesellschaftsverhältnissen die Lebens- phasen Erwachsenenalter und Alter, aber den höchsten Grad an Attraktivität besitzt die Lebens- phase Jugend. Dies kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass jugendkulturelle und szenespezi- fische Stilelemente schnell Eingang in das Estab- lishment finden und zum (gesamt-)gesellschaftli- chen Allgemeingut werden. Der Begriff der Jugendszene als eine posttraditionale Form der Gemeinschaftsbildung (Hitzler 2008) wird in der neueren Jugendforschung immer öfter herangezogen, um jugendliche Gesellungsformen zu beschreiben. Szenen können beschrieben wer- den als „thematisch fokussierte kulturelle Netzwerke von (Grup- pen und) Personen, die bestimmte materiale und / oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu be- stimmten Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterent- wickeln“ (Hitzler et al. 2001, 20). Szenen stellen ein dynamisches, flexibles, zugleich offenes und damit auch labiles soziales Gebilde dar, welches quer zu bisherigen Gesellungsformen liegt: Zwar setzt sich die Szene zunächst aus der traditio- nellen Form der Gruppe segmentär zusammen, d. h. aus einer Vielzahl von Gruppen. Die Szene vernetzt jedoch – und genau das ist das eigentlich Neue an diesem Sozialgebilde – die Gruppen wiederum mit- einander. So vollzieht sich die Vernetzung von Gruppen mit der immer weiteren Öffnung dieser, sodass ein wechselseitiger ‚Zugriff‘, vereinfachter Zugang und schnelle Wechsel möglich werden. Befunde der Jugendforschung Die Entstrukturierung und Entgrenzung der Ju- gendphase sowie Individualisierungs- und Subjek- tivierungsprozesse führen im Konzept eines rasan- ten sozialen Wandels zu der Frage, inwieweit der Gegenstand ‚Jugendliche(r)‘ überhaupt noch wis- senschaftlich-empirisch beschreibbar ist. Außer- dem ist die subjektive Realität Heranwachsender immer schwerer als ‚Jugend‘, ‚Jugendphase‘, ‚Ju- gendzeit‘ etc. zu erfassen und zu rekonstruieren. Die wissenschaftlich-empirische Jugendforschung kann hier helfen, zum einen durch vielfältige Da-
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