Handbuch 5. Auflage
728 U. Sander · Witte ten (quantitative wie qualitative) nicht nur detail- genau, sondern auch zeitaktuell und theoretisch fundiert zentrale Elemente von ‚Jugend‘ abzubil- den, ohne sie dem Konstrukt reifizierender Kate- gorisierung zu unterwerfen. Zum anderen gestatten gerade auf empirischer Ebene flexible Konzepte von Jugend, den Blick für innovative und nicht vorhersehbare Tendenzen offenzuhalten. Die klas- sische Definition von Jugend als einer abgrenz- baren und anscheinend universalen Stufenfolge von körperlicher, sozialer und kognitiver Entwick- lung, Reifung und Identitätsbildung darf nicht ver- hindern, dass kontinuierlich historisch und gesell- schaftlich spezifische Entwicklungsaufgaben und Selbstbestimmungsprozesse Jugendlicher als ver- stehbare Erfahrung sowie als subjektiv getöntes Er- lebnis erforscht werden. Die regelmäßig durch- geführte Jugendstudie des Jugendwerks der Deutschen Shell übernimmt in dieser Hinsicht Vorbildfunktion (vgl. die diversen Shell-Jugend- studien seit dem Beginn der 1950er Jahre). Zu nennen sind aber auch die vielfältigen empirischen Arbeiten des Deutschen Jugendinstituts (vgl. die DJI-Jugendsurveys). Spätestens seit den 1970er bzw. 1980er Jahren ist Jugendforschung in Deutschland auch Qualitative bzw. Narrative Sozialforschung. Mit dieser metho- dischen Wende, die an die klassische pädagogische und psychologische Biografieforschung (Krü- ger /Marotzki 2006) anknüpft, können jugend- liche Gegenstandsbeschreibungen als vom Subjekt narrativ verfügt aufgefasst werden. So können die Modalitäten sozialen Wandels über die Biografiere- konstruktion am ehesten auf eine die Eigenrechte des Gegenstands Jugend und Jugendforschung be- tonende Weise erfasst werden. Die Forschungslandschaft zu bzw. über Jugend präsentiert sich heute sehr vielfältig und ausdiffe- renziert. So kann die folgende Auflistung lediglich Schlaglichter darauf werfen. Themen der Jugend- forschung, die eine gewisse zeitliche Konstanz be- weisen und nicht nur den Imponderabilitäten des jeweiligen Zeitgeistes unterworfen sind, können wie folgt unterschieden werden: Seit den 1970er Jahren wird sehr intensiv die a. Durchlässigkeit der Jugendphase auf andere Alters- phasen hin erforscht, also sowohl auf Kindheit als auch auf das Alter. In solchen empirischen Jugend- studien geht es z.B. darum, den Übergang zwi- schen Kindheit und Jugendalter in biografischer Perspektive aufzuarbeiten, die Beziehung Jugend- licher zu ihrer Herkunftsfamilie abzubilden oder in- tergenerative Beziehungen biografisch zu rekon- struieren(Behnken / Zinnecker2001;Grunert / Krüger 2007). Die viel berufene Charakteristik der Jugend als ‚so- b. zialkulturelle Jugenden‘ beruht auch auf Migrati- onsphänomenen, die kontinuierlich und intensiv durch die Jugendforschung behandelt werden. In dieser Disziplin werden neben quantitativen Stu- dien besonders viele qualitative bzw. ethnogra- fische Arbeiten unternommen, um lebensweltliche Kontexte im Mikromilieu ethnischer Hintergründe aufzuspüren. Unter dieser Themenstellung fungie- ren Jugendliche wie Spiegel, die gleichzeitig regio- nale wie auch globale Besonderheiten des Auf- wachsens wiedergeben und dokumentieren (z.B. Riegel / Geisen 2007). Solche Jugendstudien reihen sich ein in die Bemühungen, sozialkulturelle Diffe- renzen abzubilden und gehen mit ihrer Berücksich- tigung struktureller Rahmenkontexte über eine reine Deskription individueller Lebensverläufe im regionalen Kontext hinaus. Das Konzept ‚Jugend‘ löst sich damit vom konkreten Träger und reprä- sentiert stattdessen regionale, ethnische und glo- bale Zeitdiagnosen. Ein klassischer Zweig der Jugendforschung war und c. ist weiterhin die geschlechtsspezifische Forschung, die die sozialen Geschlechtskonstruktionen und die geschlechtsspezifischen Differenzen während des Aufwachsens im Kontext intervenierender Umwelt- faktoren entdecken will. In dieser Forschungstra dition sollen Biografien von (meist weiblichen) Jugendlichen verdeutlichen, wie soziale Konstruk- tionen von Geschlecht über Erziehungs- und Soziali sationsprozesse in biografische Eigenkonstruktionen überwechseln. Mittlerweile hat dieser traditionelle Forschungsstrang viele Aspekte von Geschlechts- typiken erarbeitet (z.B. Tervooren 2006). Auch hier erweitert die Jugendforschung ihren empirischen Blick über das Schicksal der oder des einzelnen He- ranwachsenden und thematisiert Geschlechtstypi- ken und die Stellung von Mädchen und Jungen in sozialkulturellen oder institutionellen Kontexten. Neuerdings richtet sich das Interesse der Jugend- forschung in dieser Beziehung wieder stärker auf männliche Jugendliche, da diese, z.B. als ‚Bildungs- verlierer‘, durch die komparativen Studien der em- pirischen Bildungsforschung problematisiert wer-
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