Handbuch 5. Auflage
Jugend 729 den und anscheinend jetzt nach langen Jahren der Frauenförderung pädagogischer Unterstützung be- dürfen (z.B. Koch-Priewe et al. 2009). Ein ebenso klassisches Thema der empirischen Ju- gendforschung sind Prozesse des Misslingens und Scheiterns in der Adoleszenz (z.B. Witte / Sander 2006). Das betrifft etwa Jugendliche, die Probleme mit der Schule, mit der Berufsfindung, aber auch mit Eltern oder Gleichaltrigen haben bzw. all- gemein die gestiegenen Anforderungen der mo- dernen Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft nicht befriedigend lösen können. Ähnlich wie die o.a. Friktionen im Kontext ethnischer Fremd- bzw. Selbstzuschreibungen definieren die hier ange- führten Scheiternsrisiken für die Jugendlichen zen- trale Probleme. Müssen doch die durch zumeist he- teronome Instanzen vorgebrachten Hürden und Entwicklungsagenden der Jugendphase mit den (milieu- bzw. teilkulturell spezifischen) Selbst- ansprüchen Jugendlicher nach einem ‚gelungenen Leben‘ und einer ‚gelingenden Zukunft‘ in Ein- klang gebracht werden. Aus diesem Grund finden sich in der empirischen Jugendforschung zu- sehends auch gerechtigkeitsorientierte Studien zu der Frage, wie Jugendliche unter heterogenen Strukturbedingungen ihre Vorstellungen eines gu- ten und gelungenen Lebens realisieren können (Otto / Ziegler 2008). Allgemein scheint in diesen Forschungen die Definition der ‚Jugendphase als Problem‘ auf (Griese 2007). Die Jugendphase wird darin als Entwicklungs- und Transformationsphase angesehen, in der es wesentlich darauf ankommt, Risiken und Hürden zu überwinden. Die klassische Spannweite des Forschungsfeldes reicht von Ex- tremgruppen wie straffälligen Jugendlichen über abweichendes Verhalten Jugendlicher, ‚Heimkin- der‘ bis hin zum klassischen Thema von Jugend und Armut. Ein neuerer Ansatz der empirischen Jugendfor- d. schung beschäftigt sich mit Fragen der Globalisie- rung. Damit ist u.a. die Frage gemeint, wie und ob Jugendphänomene durch Trans- bzw. Multinatio- nalität, das Wechselspiel globaler und lokaler Kul- tur oder weltwirtschaftliche Prozesse tangiert wer- den. In solchen Studien erscheint die Jugendphase als ein spezifischer Verarbeitungsmodus Heran- wachsender, in dem globale Prozesse nicht nur als heteronome Strukturbedingungen wirken, sondern auch durch die Betroffenen als Akteure kritisch und konstruktiv aufgegriffen werden. Globalisie- rung bedeutet für Jugendliche, dass ihr Aufwach- sen heute in allen Regionen der Welt nicht mehr nur in nationalen Grenzen stattfindet, sondern von globalen Vernetzungen ergriffen wird. Deutlich wird dabei auch, dass Globalisierung nicht gleich- zusetzen ist mit weltweiter Homogenisierung. Viel- mehr finden sich weltweite ökonomische, kultu- relle und mediale Einflüsse im Lokalen als hybridem Sammelbecken wieder. Das zeigt sich auch im Kon- text von Jugendkulturen und wird bestätigt durch die Jugendkulturforschung (Villányi et al. 2007). Weiterhin existente Differenzen stehen dabei aller- dings nicht nur als sozialkulturelle Unterschiede nebeneinander, sondern bilden auch neue Struktu- ren sozialer Ungleichheit aus. Kann etwa das Wechselspiel lokaler und globaler Einflussnahmen auf ästhetischeVorlieben und den Modegeschmack Jugendlicher noch als weitgehend hierarchielos analysiert werden, so führen z.B. die weltweit ge- spannten Bildungsanforderungen – repräsentiert durch die internationalen Vergleichsstudien im Bil- dungssektor (vgl. diverse PISA-Studien) – in eine Konkurrenzsituation hinein, die aufgrund unglei- cher Bildungschancen im nationalen wie interna- tionalen Kontext neue Ungleichheiten produziert. Aktuelle Herausforderungen – Jugend und Globalisierung Die aktuellen, im Diskurs präsenten Vorstellungen von Globalisierung verbinden sich mit dem Schre- cken und den Verlockungen von Grenzenlosig- keit – Raum- und Zeitgrenzen überwindend, ver- ändert ein historisch keineswegs neues Phänomen heute die Bedingungen und Konsequenzen unseres Handelns in einer Welt, von der die Menschheit mehr weiß als jemals zuvor. Zwischenmenschliche Kommunikation hat eine tendenziell globale Reichweite angenommen. Auch Jugend lässt sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Gravitations- feld globaler Transformationsprozesse verorten und ist nicht (mehr) nationalstaatlich verfasst, sondern in ihrer globalisierten Kontextuierung zu denken. So formt einerseits Globalisierung die konstituti- ven Elemente von Jugend neu, andererseits wirken Jugendkulturen als „kulturelle Produktivkraft“ (Baacke 1999, 5) beschleunigend auf die mit zu- nehmendem Tempo stattfindenden globalen „Um-
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