Handbuch 5. Auflage

730 U. Sander · Witte  bau“-Prozesse (Roth 2002). Dabei gestalten sich diese wechselseitigen Einflussnahmen keinesfalls einheitlich, sondern differieren zwischen den Län- dern und sogar innerhalb der Länder selbst. Ein Vergleich struktureller Bedingungen für die Entfal- tung von Jugend in verschiedenen Regionen der Welt zeigt, dass nicht ohne Weiteres von einer glo- balen Jugend gesprochen werden kann (Junge 2007). Ein differenzierter Blick ist notwendig, um das Aufwachsen unter als Globalisierung bezeich- neten Prozessen sozialen Wandels betrachten zu können. So zeigt sich, dass Jugend kein ubiquitäres Phänomen ist, sondern in vielen Gesellschaften durch Zwänge ökonomischer Existenzsicherung als Lebensphase stark verkürzt oder überhaupt nicht vorhanden ist. Zwei zentrale Bausteine der gegenwärtigen Globa- lisierungsdynamik sind (1.) die rasante Entwick- lung im Bereich der Informations- und Kommuni- kationstechnologie sowie (2.) die Weltwirtschaft mit ihren globalisierten Handlungsräumen des Ka- pitals. Mehr denn je beeinflussen beide Parameter juvenile Lebenslagen, Orientierungen und Hand- lungsformen und werden zugleich durch jugend- liches Handeln (mit-)geformt. Wie gestaltet sich das Aufwachsen unter den Bedingungen einer glo- bal vernetzten, hoch-technisierten und wissens- basierten Kommunikation? Wie beeinflusst eine scheinbar grenzenlose globale Ökonomie den Handlungs- und Erfahrungsraum der jungen Ge- neration? Und schließlich (3.): Welchen Einfluss haben veränderte Kommunikationsbedingungen und eine global agierende Wirtschaft auf Bildung als zweckfreie Selbstformung des Individuums? Jugend, Medien und Globalisierung Die Konstitution von Jugend basiert mehr denn je auf technischen Medien, die altbekannte Raum- und Zeitgrenzen überwinden. Die rasante Entwick- lung von Informations- und Kommunikationstech- nologien und die damit verbundene Expansion des Internets führen dazu, dass eine Verortung von Ju- gend heute auf die transnationale Perspektive ange- wiesen ist. Jugend und Jugendkulturen sind glei- chermaßen Produzenten wie Konsumenten global vernetzter Kommunikationszusammenhänge und weltweiter Informationsflüsse. Die aktuelle Medien- landschaft lässt die Erfahrungswelten und Hand- lungsräume Jugendlicher so groß erscheinen wie nie zuvor. Das Internet eröffnet Jugend(-kulturen) aller Couleur neben einer kaum noch zu überschauenden inhaltlichen Mannigfaltigkeit sehr vielfältige For- men des deterritorialen Agierens und weltweiten Kommunizierens. Es bietet in geradezu idealtypi- scher Weise eine unbegrenzte Präsentations- und Kommunikationsplattform. Jugendliche bedürfen dieser Plattform, um in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen. Dabei beschränkt sich die vermeintliche Adressatenliste nicht auf ein lokales Publikum. Vielmehr erweitert sich der kommunika- tive Radius in Echtzeit über den gesamten Globus, sodass weltweit Gleichgesinnte erreicht werden kön- nen. Das Internet fungiert als Schnittstelle zwischen Lokalität und Globalität. Während sich jugendliche Realgemeinschaften im Lokalen verorten lassen, konstituieren auf globaler Ebene virtuelle Gemein- schaften transnationale Jugendkulturen. Gerahmt durch globale wie lokale Interaktionsräume werden kurzweilige Formen juveniler Gesellung konstitu- iert. Diese werden beeinflusst von globalen wirt- schaftlichen, sozialen und kulturellen Prozessen und bilden eigene Stilnuancen aus, die in ihren Artikula- tionen und Kreationen flüchtig und dynamisch sind. Die Innovationszyklen und Verfallsdaten der unterschiedlichen Formen jugendlicher Vergemein- schaftung haben sich der Schnelligkeit und Flüch- tigkeit des Mediums Internet angenähert. Die ausdifferenzierten und scheinbar unübersicht- lichen virtuellen Kommunikationsräume können als erweiterte Erfahrungsräume begriffen werden, die sich Jugendliche erschließen und aneignen. Partizipation an netzwerkgestützter Kommunika- tion und Aneignung virtueller Räume setzen je- doch das Vorhandensein von notwendiger Technik, Zugangsmöglichkeiten und Medienkompetenz voraus. Begriffe wie online und offline stehen für den einfachen und rigorosen binären Code von null oder eins, für den systemtheoretischen Mecha- nismus von Inklusion und Exklusion. Die Neuen Medien sind nur „scheinbar die großen Gleichma- cher“ (Vogelgesang 2001, 109). Mit zunehmender Mediatisierung der Lebenswelt und aufgrund der regional- und sozial-differenziellen Nutzung der (Netz-)Medien steht vielmehr zu befürchten, dass neue soziale Verwerfungen entstehen bzw. vorhan- dene vertieft werden (Kutscher 2009; Kut- scher /Otto 2010). Die digitale Ungleichheit im Sinne der schicht- und raumspezifischen Nutzung

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=