Handbuch 5. Auflage
74 Naegele guten und sehr guten Lebenslagen könnte eine wach- sende Zahl jener gegenüberstehen, die auf Grund vor allem von Langzeitarbeitslosigkeit, unfreiwilliger Frühverrentung, instabilen Erwerbsarbeitskarrieren und prekären Beschäftigungsverhältnissen mit finan- ziellen Problemen zu rechnen hat. Wachsende soziale Probleme des Alters können darüber hinaus auch aus den Veränderungen in den Familienstrukturen, dem Bedeutungsanstieg von Hochaltrigkeit sowie ins- besondere aus der wachsenden kulturellen Differen- zierung der Bevölkerung resultieren. Neben den erwähnten demografischen Megatrends werden heutige und künftige alterstypische soziale Risiken und Probleme auch durch den allgemeinen politischen, ökonomischen und sozialenWandel be- stimmt. Aus sozialpolitischer Sicht kann auf folgende Trends mit problematischen Rückwirkungen auf Lebenslagen und Lebensqualität vor allem künftiger Kohorten älterer Menschen hingewiesen werden: Die finanziellen und ökonomischen Folgen der ■ ■ Nicht-Erreichbarkeit der Rente mit 67 für viele, vor allem „marktschwache“ ältere Arbeitnehmer / in- nen und damit über versicherungsmathematische Abschläge bedingte Rentenkürzungen. Schon heute scheiden fast 50% aller Neurentner mit Ab- schlägen aus, darunter jeder Dritte mit dem vollen 18%-igen Abschlag. Negative Auswirkungen von wachsender Nied- ■ ■ rigentlohnung und zunehmender Entnormalisie- rung von Beschäftigungsverhältnissen, von denen zunehmend mehr ältere Arbeitnehmer / innen be- troffen sind (Langzeitarbeitslosigkeit, Teilzeit, be- fristete Beschäftigungsverhältnisse, 400 Euro-Jobs und andere Formen prekärer Beschäftigung) auf die eigenen Rentenerwartungen. Die sicherungsmäßigen Konsequenzen des mit der ■ ■ „neuen Alterssicherungspolitik“ der letzten Jahre eingeleiteten Paradigmenwechsel in der Renten- politik. Dieser zielt insgesamt auf eine Reduzie- rung der Bedeutung der umlagefinanzierten, in der Konsequenz auf eine Absenkung des Leistungs- niveaus in der GRV und auf deren teilweisen Ersatz durch kapitalfundierte private Alterssicherungspro- dukte. Dabei ist vor allem auf den häufigen de facto Ausschluss von der Riester- bzw. Eichel-För- derung hinzuweisen, der vor allem jene trifft, die ohnehin nur vergleichsweise geringe Rentenerwar- tungen aufweisen. In der Konsequenz droht eine weitere Spreizung der Alterseinkommen. Zu den wichtigsten Dimensionen des allgemeinen sozialen Wandels mit Folgen für alterstypische so- ziale Risiken und Probleme und darauf bezogene sozialpolitische Handlungsbedarfe zählen darüber hinaus gewichtige Veränderungen in den Lebens- läufen, Lebensformen und Familienstrukturen der älteren Menschen. Hierbei sind vor allem die fol- genden drei Dimensionen von Relevanz: Künftig wird es bei der schon jetzt sehr hohen Zahl ■ ■ an Ein-Personenhaushalten älterer Menschen blei- ben – ihre Zahl liegt jetzt bei etwa 15Mio. und hat sich gegenüber Anfang der 1990er Jahre um fast ein Viertel erhöht. Hier sind insbesondere per- sonenbezogene Dienste gefragt. In wachsendem Maße bestimmen auch solche, ■ ■ durch strukturelle Veränderungen in den Familien bedingte neue und dann auch sozialpolitisch rele- vante Versorgungsbedarfe, Schwerpunkte die Le- benslagen der heute und morgen älteren Men- schen, die insbesondere die Aufrechterhaltung der selbstständigen Lebensführung und die Versor- gung bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit betref- fen. Sie stehen u.a. im Zusammenhang mit sinken- denGeburtenraten,verkleinertenHaushaltsgrößen, rückläufiger Heirats- bei steigender Scheidungs- und sinkender Wiederverheiratungsbereitschaft sowie zusätzlich noch mit weiter wachsender und überdies arbeitsmarktpolitisch erforderlicher Aus- weitung von Frauenerwerbsarbeit. Vor allem die demografisch bedingte Zunahme von ■ ■ Hochaltrigkeit (s.o. Pkt. 2) kann als wichtigste dri- ving force künftiger sozialpolitischer Handlungs- erfordernisse in einer Gesellschaft des langen Le- bens gelten. Chronische Erkrankungen und Multimorbidität einerseits sowie steigende Pflege- bedürftigkeit, vor allem in Form demenzieller Er- krankungen, gelten als unmittelbar an hohes Alter gebunden. Vor diesem Hintergrund kommen ernst zu nehmende Vorausberechnungen unter Zugrund- legung von status-quo-Annahmen zu einem An- stieg von bis zu 3,6Mio. hauptsächlich sehr alter Pflegebedürftiger und weit über 2Mio. ebenfalls hauptsächlich sehr alter demenziell erkrankter Menschen bis 2040. Auch wenn die bisher aufgezeigten Trends vielen als gleichsame unausweichliche Indikatoren eines demografischen Determinismus und in der Kon- sequenz als Begründungen und Verstärker für der-
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