Handbuch 5. Auflage
Jugendarbeit 737 differenzierten sich im Weiteren in etliche Jugend- vereine und -verbände aus (Böhnisch /Gängler 1991). In der Weimarer Republik erfolgten über einen nächsten Jugendpflegeerlass (1919) sowie das neue Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (1924) weitere recht- liche und administrative Strukturierungen, die mit einer zusätzlichen Institutionalisierung, Moderni- sierung und Professionalisierung des Arbeitsfeldes einhergingen. Während sich sukzessive rund 100 Jugendverbände im „Reichsausschuss der deutschen Jugendverbände“ organisierten, entwickelte sich auch die staatliche Jugendpflege quantitativ und qualitativ weiter. Neben der Etablierung von finan- ziellen Förderstrukturen und der Einrichtung viel- fältiger pädagogisch gerahmter Treffpunkte wie Schulungsstätten, kommunalen und verbandlichen Jugendheimen wuchs auch die Zahl der Kreis- und Bezirksjugendpfleger / -innen. Doch auch wenn Ju- gend und Jugendarbeit zu dieser Zeit beachtlichen Einfluss auf die öffentliche und politische Wahr- nehmung wie auch auf die damalige Sozialpädago- gik zeigten (Böhnisch / Schröer 1997), so stand das Arbeitsfeld doch stets im Schatten von Wirtschafts- krisen, Finanznöten, (Jugend-)Arbeitslosigkeit und massiven Desintegrationsnöten ihrer Zielgruppen und wurde letztlich – korrespondierend zur gesamt- politischen Systemveränderung – ab 1933 im NS- Regime zwangsweise aufgelöst und in „Hitlerju- gend“ und „Bund Deutscher Mädel“ transformiert. Nach 1945 erfolgte der Wiederaufbau der Jugend- arbeit gemäß den strukturierenden Eingriffen der jeweiligen Siegermächte als zunächst separierte Entwicklung in West- und Ostdeutschland. In der DDR kamen Jugend und Jugendarbeit ab 1949 vergleichsweise hohe politische Prioritäten zu. Das Arbeitsfeld wurde jedoch unter Vorgabe sowjeti- scher Vorstellungen parteistaatlich eingeordnet in das Ressort der Volksbildung, und zwar mit der Aufgabe, zur Erziehung der „allseits entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“ auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus beizutragen (Gatze- mann 2008, 33). Die „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) wurde als staatseinheitliche Nachfolgeorga- nisation der außerschulischen Pädagogik etabliert. Unter dem Schlagwort der Kulturarbeit wurde sie im Wesentlichen betrieben als außerschulische Freizeitarbeit, die politisch-ideologische Arbeit mit künstlerisch-kultureller Bildung und „niveau- voller“ Freizeitgestaltung betrieb. Gleichwohl ent- stand im Rahmen dieser politisch-ideologischen Engführung auch unter durchaus wechselvollen politischen Wendungen (Hoffmann 1981; Ohse 2003) eine außerordentlich differenzierte und vielfältige Landschaft aus ca. 10.000 Jugendklub- häusern, selbstverwalteten und ehrenamtlich be- triebenen Jugendfreizeiteinrichtungen und Ju- gendklubzimmern, die sich noch umKulturhäuser, Bibliotheken, Theater, Museen und diverse künst- lerisch-kulturelle Initiativen erweiterte. Dieses zu- nächst organisatorische Aufblühen und auch die damit verbundenen Wachstumsraten diversen pädagogischen Personals dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in der alltäglichen Ju- gendarbeit durchaus gravierende Akzeptanz- und Alkoholprobleme, Alltagsfrust und Bevormun- dung einstellten, welche die staatsideologisch vor- gegebenen Ziele strapazierten. Die Jugendarbeit in der BRD wurde geprägt von den westlichen Alliierten, die sich nach 1945 daran machten, dem Einfluss der NS-Vergangenheit ins- besondere bei der Jugend über Maßnahmen der Umerziehung (Re-Education) entgegenzuarbeiten. Doch die Initiative der in über 300 als „German Youth Activity“-Häusern installierten Jugendzentren erlahmte rasch und folgte alsbald den Grundmus- tern westdeutscher Nachkriegsrestauration: Diese orientierte sich zunächst mangels hinreichend ak- tualisierter Leitziele wieder an Vorkriegsmustern. Die „Vergesellschaftung der Jugendarbeit“ markiert insbesondere bei den Jugendverbänden eine Phase, in der sich vormaliger Eigensinn und Autonomie- ansprüche zugunsten der lediglich traditionsbewah- renden Integration in die Autorität des Bestehenden ergaben. Zugleich wurde in den 1950er Jahren erst- mals die „Offene Jugendarbeit“ als bewusstes Gegen- modell zu den als geschlossen empfundenen Milieus der noch allzu traditionsgeprägten Jugendverbände eingeführt. Trotz des vermeintlich gesellschaftlichen Still- stands übte vor allem die auf vielen Ebenen sich entfaltende „Amerikanisierung“ der westdeut- schen Gesellschaft ihre zunächst noch eher laten- ten, später manifesten Einflüsse auf viele Jugend- liche aus (Maase 1992; Siegfried 2006). Dies zeigte sich etwa in der Figur der sog. „Halbstar- ken“, seit den 1960er Jahren im „Teenager“ sowie in ersten pop- und konsumkulturellen Moderni- sierungen bis hin zu den Studenten- und Jugend- zentrumsbewegungen und ereilte schließlich auch
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