Handbuch 5. Auflage

738 Lindner  die Jugendarbeit. In dieser Zeit entwickelte sich das Arbeitsfeld – sicherlich mit Ungleichzeitig- keiten – weg von einer eher traditionell fürsor- gerisch-bewahrpädagogischen Mentalität hin zu einem aktiv die gesellschaftlichen Strömungen aufnehmenden Aktivposten der Sozialpädagogik. Etwa im gleichen Zeitraum veröffentlichten vier Autoren (Müller et al. 1964) die für die Jugend- arbeit folgenreichen Versuche einer theoretisch- kritischen Modernisierung: „Der vielleicht entscheidende Grund war (…) die zuneh- mende Professionalisierung. Nicht die jugendlichen Teil- nehmer brauchten solche Theorien, nicht die ehrenamtli- chen Mitarbeiter vor Ort, wir selbst brauchten sie (…). Die Professionalisierung verlangte nach Theorie, und der Bedarf wurde noch größer, als die Profis dann auch an Hochschulen ausgebildet werden sollten. Unser Buch markiert also einen geschichtlichen Übergang (…): den Aufstieg der hauptamtlichen Jugendarbeiter und den Ab- stieg der ehrenamtlichen“ (Giesecke 2006, 105). Im Gefolge der außerparlamentarischen Opposi- tion wandten sich auch Jugendliche zu Beginn der 1970er Jahre in neuer Entschiedenheit gegen die Missachtung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten und besetzten leer stehende Gebäude, um sie zu Jugend- zentren umzuwidmen (Herrenknecht et al. 1977). Die „Jugendzentrumsbewegung“ organisierte sich jenseits eines Einheitlichkeit suggerierenden Bewe- gungsbegriffs als Assoziation vielfältiger, oft neben- einander agierender Initiativen und Gruppen. Be- setzungen, aber auch vorgelagerte Aktionen vermochten sich durch das Selbstbewusstsein aus vorherigen Konfrontationserfahrungen aufzu- bauen, mit dem nun die vielfach fehlenden Jugend- zentren in den Städten, aber auch in ländlichen Räumen eingefordert wurden. Nach der ersten Be- setzungsphase folgte der profane Alltag, der nach und nach in zähe Verhandlungen über öffentliche Zuschüsse, Fördermittel und Finanzhilfen sowie in interne Debatten über das Einlösen der Autono- mie- und Selbstverwaltungsansprüche einmündete. Etliche Häuser gerieten unter den Einfluss über- fordernder Problemgruppen wie Drogen- und Al- koholabhängigen oder Obdachlosen; und auch in- terne Widersprüche sorgten dafür, dass immer wieder Frust und Enttäuschung um sich griffen. Dennoch entstand unter oft schwierigsten Rah- menbedingungen eine Vielzahl von alternativen Aktivitäten: Arbeitslosenprojekte, Beratungspro- jekte, Werkstattinitiativen, Kulturinitiativen und verschiedenste Selbsthilfegruppen, die sukzessive durch die Einstellung von Sozialarbeiter / -innen professionalisiert wurden. Auf diese Weise war die Jugendarbeit in die gesellschaftlichen Entwicklun- gen Westdeutschlands involviert und entwickelte ab den 1980er Jahren zahlreiche, je zeittypisch ge- prägte theoretische Konzepte und Handlungsan- sätze (z. B. kritisch-emanzipatorische, bedürfnis- orientierte, erfahrungsbezogene, antikapitalistische, lebensweltorientierte, sozialraumorientierte, prä- ventive, subjektorientierte), von denen sich jedoch keiner als hinreichend anschlussfähig erwies, um sich als Leitorientierung dauerhaft behaupten zu können (Kiesel et al. 1998). Arbeitsfeldinterne Rahmungen und Profile Das Arbeitsfeld Jugendarbeit teilt sich im Wesent- lichen auf in seine zwei prägenden Hauptbereiche der öffentlich-kommunalen und der verbandlichen Beschaffenheit, welche zwar professionelle, kon- zeptionelle und methodische Gemeinsamkeiten aufweisen, aber dennoch unterschiedlichen Struk- turlogiken unterliegen. Die öffentlich-kommunale Jugendarbeit ist gekenn- zeichnet durch eine nicht an Mitgliedschaften ge- bundene, freiwillige Teilnahme ihrer Adressaten, durch hauptamtliches sozialpädagogisches Personal und eine überwiegende Verankerung in eigens be- reitgestellten Freizeit-, Kommunikations- und Bil- dungsstätten (Jugendzentren, „Häuser der Offenen Tür“). Aufgrund dieser institutionellen Rahmung haben sich hier überwiegend sozialräumliche Ar- beitskonzepte etabliert (Deinet 1999), deren Aktivi- täten von der städtisch, regional oder ländlich ge- prägten Umgebung aus konzipiert sind und auch darauf zurückzuwirken beabsichtigen (z.B. über Vernetzungen, Kooperationen und mobile Formen). Kommunale Jugendfreizeitzentren fungieren als Fundamente einer sozialräumlichen Freizeit- und Gelegenheitsinfrastruktur. Ausgehend von einem die Einrichtung zumeist prägenden offenen, d. h. nicht funktionsgebundenen (Aufenthalts-)Bereich sollen zunächst attraktive Anlauf- und Treffpunkte bereitgestellt werden. Daran schließen sich metho- dische und konzeptionelle Ausdifferenzierungen

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=