Handbuch 5. Auflage
Alter 75 zeit noch immer dominante demografische Krisen- szenarien gelten, so ist andererseits relativierend zu bedenken, dass die damit möglichen alten wie neuen sozialpolitischen Handlungserfordernisse und / oder Versorgungsbedarfe nicht zwangsläufig auch eintreten müssen. Mindestens drei relativie- rende Argumente sind in Erwägung zu ziehen: Förderliche Kohorteneffekte bleiben in der Regel ■ ■ unbeachtet. Die künftigen Kohorten älterer Men- schen sind mit deutlich günstigeren Ressourcen und Potenzialen ausgestattet, deren systematische Anwendung und Nutzung einen Beitrag sowohl zur individuellen wie zur gesellschaftlichen Risiko- und Problemreduzierung leisten können, voraus- gesetzt, sie werden erkannt und individuell wie gesellschaftlich abgerufen. Solche förderlichen Ko- horteneffekte betreffen insbesondere die Bereiche Einkommen, Gesundheit, Bildung, soziale Integra- tion sowie allgemeine Verhaltenspotenziale und Problemlösungskompetenzen. Allerdings gilt dies nicht für alle Gruppen Älterer gleichermaßen, sind vielmehr soziale Ungleichheiten im Zugang und zur Nutzung von Kohorteneffekten zu beobachten, die zugleich das Risiko einer künftig noch stärke- ren Differenzierung von sozialer Ungleichheit im Alter anzeigen. Dies gilt erneut in besonderer Weise für die bereits erwähnten Problemgruppen der sehr Alten, der sozio-ökonomisch benachteilig- ten Alten sowie für Ältere mit Migrationsgeschichte. Dem entspricht eine von der Gerontologie betonte, ■ ■ künftig noch weiter zunehmende soziale Hetero- genisierung des Alters. Auch für das Alter gilt, dass Lebensläufe und Lebensphasen immer unter- schiedlicher gestaltet und gelebt werden, dass Alter und Altern zunehmend durch plurale Ver- laufs- und Existenzformen gekennzeichnet ist, und dass chronologisches Alter sich allenfalls noch für eine grobe Abgrenzung des risikobehafteten ho- hen Alters (80–85 Jahre) eignet, nicht aber mehr als Distinktionsmerkmal für Menschen innerhalb der gesamten Lebensphase „Alte“. Gleiches gilt für lebensgeschichtliche Erfahrungen von sozialer Ungleichheit. Der sozial-strukturellen Differenzie- rung des Alters entspricht darüber hinaus die Zu- nahme der intraindividuellen Variabilität älterer Menschen, d.h. eine wachsende Differenzierung von individuellem Altern und Alter(n)serleben. Diese Relativierungen sind vor allem aus zwei ■ ■ Gründen wichtig: Zum einen ist auf solche, bei den nachrückenden Kohorten im Grundsatz stark ge- wachsenen Eigenhilferessourcen und -potenzialen hinzuweisen, deren Einsatz und sozialpolitische Wirkmächtigkeit aber nicht gleichsam im Selbst- lauf zu erwarten sind, sondern – so wie es der 5. Altenbericht der Bundesregierung formuliert hat – an z.T. erhebliche Vorleistungsverpflichtun- gen der jeweils zuständigen gesellschaftlichen wie Vorleistungen insbesondere wirtschaftlicher und staatlicher Akteure geknüpft sind (BMFSFJ 2006). Zum anderen lässt sich damit auch verdeutlichen, dass vor dem Hintergrund der gewachsenen Hete- rogenisierung des Alters sozial- und altenpolitische Standardlösungen wenig geeignet sind, um auf die gewachsene Vielfalt sozialpolitischer Bedarfslagen im Alter angemessen zu reagieren. Hinzu kommt, dass sich demografische ebenso wie ■ ■ viele sozial-strukturelle Prozesse, die mit aus sozial- und altenpolitischer Sicht negativen Implikationen für eine Gesellschaft des langen Lebens verbunden sind, langsam, ja gleichsam schleichend entwickeln, von daher langfristig vorhersehbar und somit im Grundsatz auch in einem präventiven Sinne – ganz im Sinne eines präventiven und Sozialpolitikver- ständnisses – auch gestaltbar sind. Speziell an die- ser Einschätzung hat es in der Bundesrepublik in der Vergangenheit lange Zeit gefehlt, obwohl z.B. der Deutschen Bundestag bereits 2002 in seinem Abschlussbericht zur Arbeit der Enquete-Kommis- sion Demografischer Wandel (Deutscher Bundestag 2002a) explizit darauf hingewiesen hat. Zu einigen künftigen Schwerpunkten sozialpolitischer Handlungserfordernisse in alternden Gesellschaften In den erwähnten demografischen, ökonomischen sowie übrigen sozial-strukturellen Herausforde- rungen, die mit insgesamt alternden Gesellschaf- ten bzw. einer Gesellschaft des langen Lebens ver- bunden sind, liegen zugleich auch Chancen, nicht nur aus sozialpolitischer Sicht, angemessene und innovative Bearbeitungsstrategien für die bereits jetzt evidenten alten und neuen sozialen Alters- risiken und -probleme zu erkennen. Darüber hi- naus können aus ihrer erfolgreichen Bewältigung
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