Handbuch 5. Auflage
740 Lindner und Diffusion, in der sich klare Konturen ver- wischen, wird buntscheckig und unübersichtlich. Und so scheint die Kehrseite dieser Vielfalt für die Kinder- und Jugendarbeit eine Entwicklung zu sein, die sich vielfach über periodische Neuanfänge und Umorientierungen einschreibt. Diese werden oftmals als „Krisen“ artikuliert (exemplarisch Grauer 1973) und haben nach Jahren nahezu steti- ger Prosperität nunmehr zu einer gesteigerten Un- gewissheit im Hinblick auf Professionalitätsgrund- lagen, regionale Disparitäten, Ziele, Strukturen wie auch öffentliche und jugendpolitische Reputation geführt (Lindner 2006). Die Kinder- und Jugendarbeit befindet sich da- mit im Einfluss von gesellschaftlichen Entwick- lungen, die etwa ab dem Jahr 2000 durch einen allgemeinen Bedeutungsverlust von „Jugend“ und „Jugendlichen“ gekennzeichnet sind. Auch Sozial pädagogische „Investitionen“, die über punktuelle Aktionsprogramme hinausgehen, scheinen sich da zu erübrigen, wo sich „Jugend“ aufgrund eige- ner Differenzierungsprozesse nicht mehr als ein- heitliche Generationsgestalt inszeniert oder über eigene gesellschaftsbezogene Artikulationen auf sich aufmerksam macht, wo Jugendliche über me- diale Schematisierungen nicht mehr als Hoff- nungs-, sondern allenfalls noch als Krisen- und Problemträger denunziert werden und schließlich auch aufgrund ihres demografischen Rückgangs als gesellschaftspolitisch einflussreiche Gestal- tungsfaktoren aus dem Blick geraten. Ein solcher Befund wird insbesondere durch die aktuellen empirischen Erhebungen der Kinder- und Jugendhilfestatistik gestützt (Pothmann /Thole 2005; Pothmann 2008; Pothmann 2009). Bis zum Jahr 2006 befand sich die Kinder- und Jugend- arbeit im Hinblick auf ihre zentralen Indikato- ren – Anzahl der Einrichtungen, Anzahl der Mit- arbeiter / -innen, Anzahl der Maßnahmen – wie auch im Hinblick auf den Prozentanteil der finan- ziellen Aufwendungen im Rahmen der Jugendhilfe (6%) auf durchschnittlich abgesichertem Terrain. Die Kinder- und Jugendarbeit ist – wenn auch mit gebührendem Abstand zu den Kindertagesstätten und den Erziehungshilfen – drittgrößtes Arbeits- feld der Kinder- und Jugendhilfe. Ab 2006 jedoch deuten mehrere Indikatoren übereinstimmend auf eine spürbare Rückwärtsentwicklung, welche einen realen Bedeutungsverlust anzeigt – und zwar jen- seits programmatischen Wohlwollens, demzufolge das Arbeitsfeld zwar „nicht mehr unbedingt geschätzt, dafür aber um so mehr gebraucht“ (Rauschenbach 2005, 9) würde. Wie die empiri- schen Daten anzeigen, sind die Anzahl der Maß- nahmen und der Einrichtungen ab dem Jahr 2006 zurückgegangen. Zudem hat offenbar ein massiver Personalabbau stattgefunden, der sich mit einer schleichenden Prekarisierung der Arbeitsverhält- nisse verbindet. Bezogen auf Vollzeitstellen ist das Personal der Kinder- und Jugendarbeit von 33.000 Stellen (im Jahre 1998) auf 19.800 Stellen (im Jahre 2006) und damit um ca. 40% abgebaut worden. Im selben Zeitraum hat sich die Anzahl der Maßnahmen der Kinder- und Jugendarbeit nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (www.destatis.de) von 128.000 im Jahre 1992 auf 89.157 im Jahre 2008 vermindert. Parallel sind die in diesem Feld Halt gebenden Strukturen herun- tergewirtschaftet, angemessene Jugendhilfepla nungen vernachlässigt, Landesjugendberichte an- nulliert sowie eigenständige Landesjugendämter und deren Fachberatungen sukzessive aufgelöst worden. Eine solche, durch unterschiedliche Trei- ber kumulierende jugendpolitische Verwahrlosung drückt sich nicht zuletzt in einer zunehmenden De-Professionalisierung aus, welche sich etwa in einer anwachsenden Quote befristeter Beschäfti- gungsverhältnisse zeigt. Gerade in Ostdeutschland verschärft sich die Lage noch durch Mischfinanzie- rungen, Osttarife und 1-Euro-Jobs. Aktuelle Herausforderungen und zukünftige Perspektiven Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte die Ju- gendarbeit ihre Entwicklungshoffnungen auf die blamablen Ergebnisse der als Schulleistungsstudie konzipierten PISA-Ergebnisse gesetzt. In deren Gefolge war insbesondere die Aufwertung der außerschulischen Bildung angezeigt (Brenner 1999; Nörber 2006). Unter Verweis auf ihre ei- genen, bis dahin kaum sonderlich beachteten Bildungstraditionen, insbesondere in den nun neu entdeckten informellen und nonformellen Bildungsleistungen, wurde ein angemessener, zu- kunftsweisender und zukunftssicherer Platz im Rahmen der Neusortierung des Bildungswesens reklamiert, der sich namentlich im Postulat der „Augenhöhe“ an das nunmehr nachweislich man-
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