Handbuch 5. Auflage
76 Naegele auch vielfältige positive Abstrahleffekte auf die Lösung anderer struktureller Reformerfordernisse in wichtigen übrigen Feldern der Sozial- und Ge- sellschaftspolitik liegen – entsprechend dem Motto: Die demografischen als Chance zur Lö- sung auch nicht primär demografischer Heraus- forderungen zu nutzen. Förderung der Beschäftigungsfähigkeit eines insgesamt alternden Erwerbspersonenpotenzials Insbesondere auch um die sozialen Alterssiche- rungssysteme nachhaltig zu sichern sowie dem vo- rausberechneten Altern der Belegschaften sowie künftig erwarteten demografischen Engpässen auf dem Arbeitsmarkt zu begegnen, bedarf es einer zeitlichen Andersverteilung von Arbeit über den Lebenslauf i. S. einer Neuorganisation von Lebens- arbeitszeit, die eine längere Lebensarbeitszeit zwin- gend einschließen sollte. Damit könnte zugleich angemessen auf einen zunehmenden, übergeord- neten Bedarf an einer besseren Synchronisierung von Arbeitszeit und lebensphasenspezifischen Be- dürfnissen einerseits sowie auf eine parallel dazu empirisch nachweisbare wachsende Kritik an der herrschenden Lebensarbeitszeitorganisation ande- rerseits reagiert werden, die Menschen in der Mitte und in der Spätphase des Erwerbslebens in ganz besonderer Weise betrifft (Naegele 2010a). Die bisher in diesem Zusammenhang von der Politik gegebenen Antworten zur Neuverteilung von Le- bensarbeitszeit sind unzureichend. Einerseits sind sie lediglich rentenrechtsintern („Rente mit 67“), andererseits schaffen sie insbesondere in der Form sich ausweitender prekärer Beschäftigungsverhält- nisse neue soziale und damit übrigens auch neue ökonomische Risiken bei den künftig Älteren. Um die politisch gewollte Verlängerung der Le- bensarbeitszeit und damit längere Versicherungs- verläufe für mehr Beschäftigte auch real zu ermög- lichen, ist parallel eine flankierende Politik und Praxis der Beschäftigungsförderung einschließlich ei- ner entsprechenden Anpassung von Arbeitsbedin- gungen und -belastungen notwendig, damit Men- schen auch in den Betrieben und auf ihren angestammten Arbeitsplätzen älter werden können. Gefordert ist eine „lebenszyklusorientierte Personal- und Beschäftigungsförderungspolitik“, die vor al- lem in den Betrieben und dort auf den unterschied- lichen Stufen der Erwerbsbiografie ansetzen muss, die es bislang aber in Deutschland nur ganz selten gibt. Allerdings ist durchaus etwas „Licht am Ende des Tunnels“ erkennbar, denn die ersten Demogra- fietarifverträge mit Zielen wie Qualifikationsför- derung, Gesundheitsschutz und Motivationserhalt über den gesamten Arbeitnehmerlebenslauf hinweg sind bereits in Kraft getreten, so z. B. in der Eisen- und Stahl- oder in der chemischen Industrie. Es ist zu hoffen, dass bald weitere und vor allem auch einzelbetriebliche Vereinbarungen folgen (BMFSFJ 2010). Förderung des lebenslangen Lernens Die Forderung nach Institutionalisierung von le- benslangem Lernen und von Erwachsenenbildung hat vordergründig zunächst ebenfalls beschäfti- gungspolitische Hintergründe und gilt insbesondere für ältere Arbeitnehmer / innen, deren Weiterbil- dungsbeteiligung aus vielen Gründen vergleichs- weise gering ist. Die berufliche Bildung in Deutsch- land ist einseitig „frontlastig“ (Bosch 2010). Einbezogen sind Forderungen, fehlende Schul- und Bildungsabschlüsse später nachzuholen, nach Über- windung des „Matthäus-Prinzips“ in der betrieblich verantworteten beruflichen Fort- und Weiterbil- dung sowie danach, in den Universitäten und Hochschulen mehr (möglichst berufsbegleitende) Weiterbildungsangebote zu schaffen. Insgesamt werden individuelle Ansprüche auf Weiterbil dungsmaßnahmen benötigt, deren Absicherung und Finanzierung per Gesetz oder Tarifvertrag er- folgen könnte. Die 5. Bundesaltenberichtskommis- sion plädiert z. B. für eine staatliche Erwachsenbil- dungsförderung sowie für den Ausbau der betrieblichen Weiterbildung (BMFSFJ 2006). In der Diskussion sind Modelle des Bildungssparens, Bildungsschecks, Lernzeitkonten, Fondmodelle oder öffentliche Förderungen durch die Bundes- agentur für Arbeit (BA). Unter sozialpolitischen Aspekten hat lebenslanges Lernen aber auch einen unmittelbaren Alters- bezug (Ehlers 2010). Dies gilt vor allem in einer Gesellschaft des langen Lebens. Sowohl aus indi- vidueller wie aus gesellschaftlicher Sicht spricht vieles für eine eigenständigen Bildung für das Al- ter, die es z. B. älteren Menschen erleichtert, mehr
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