Handbuch 5. Auflage

Jugendkulturen 753 als Subkulturen der Arbeiterklasse ausgehen und deren Entstehen auf einen Klassenkonflikt hin deuten, heute, angesichts stark ausdifferenzierten sozialer Lebenszusammenhänge, die ein solches Klassenmodell nur schwer nachvollziehen ließen, eine äußerst problematische Ausgangslage dar (Vollbrecht 1997, 21 ff.). Ebenfalls erscheine auf diesem Hintergrund die Deutung der jugendlichen Stilkulturen als gegenkulturelle Formen, im Sinne einer Herausforderung einer kulturellen Hegemo- nie grundsätzlich problematisch. Angesichts einer Pluralisierung der Lebensstile innerhalb moderni- sierter Lebenszusammenhänge, sei es kaum mög- lich, einen Mainstream im Sinne einer allgemeinen Wertordnung auszumachen. Auf diesem Hinter- grund gestalte sich der Versuch einer gegenkultu- rellen Äußerung, die sich komplementär einem solchen Mainstream entgegenstellt, unmöglich. Das „Gegen von Gegenkultur“ (Bloedner 1999, 65) verschwindet so in einem neuen „Mainstream der Minderheiten“ (Holert /Terkessidis 1997). Jugendkulturelle Vergemeinschaftung in modernisierten Lebenszusammenhängen Stattdessen stellen sich Jugendkulturen heute schein- bar zumeist weniger als, angesichts ihrer kulturellen „Abweichung“ und des Praktizierens der jeweilig charakteristischen gemeinschaftsstiftenden Hand- lungen, von ihrer sozialen Umwelt abgegrenzt dar. Vielmehr bewegten sich viele Jugendliche zwischen unterschiedlichen, in ihrer Struktur weit offeneren Szenen, die sich für sie als ein zeitlich begrenztes und flexibles soziales Netzwerk darstellen. Die Diskus- sion um Neue Jugendkulturen ist deshalb eng ver- bunden mit einer wissenschaftlichen Auseinander- setzung, die sich, in Abgrenzung von der bis heute präsenten Subkultur-Theorie , um einen Terminus bemüht, der der Vielgestaltigkeit und Fluidität ju- gendlicher Vergemeinschaftungsformen und ihrer kulturellen Repräsentationen gerecht zu werden ver- sucht. So wird heute dem eingeschränkteren Sub- kulturbegriff häufig der der Jugendszene entgegen- gestellt, welcher der stärkeren Unverbindlichkeit im Zugehörigkeitsgefühl der Jugendlichen durch ein Modell entspricht, das von einem festen Szenekern ausgehend und zu den äußeren Rändern hin diffuser werdend, den möglichen Übergang zwischen den einzelnen jugendkulturellen Bereichen veranschau- licht (Hitzler et al. 2001, 19ff.). Gleichzeitig werden hier die ursprünglich als stark musikbezogen gedeuteten Formen jugendlicher Vergemeinschaftung auf unterschiedlichste Schwer- punkte des gemeinsamen Interesses hin erweitert. Jugendszenen stellten sich so auch in Form der Hackerszene oder der Beach-Volleyballer dar und stehen damit nicht mehr in der, noch im subkultu- rellen Paradigma stark mitschwingenden, Ver- pflichtung gegenüber einer gegenkulturellen Grundhaltung. Bereits in den 1980er Jahren prägte Michel Maffe- soli den Begriff der Neo-Tribes im Bezug auf urbane Jugendkulturen, der jedoch erst mit der englisch- sprachigen Übersetzung in den 1990er Jahren auf eine breitere internationale Resonanz trifft und bis heute vor allem im englischsprachigen Raum stark rezipiert wird. Auch hier steht das Motiv der eher informellen und zeitlich begrenzten Vergemein- schaftung als charakteristisches Motiv im Vorder- grund, wird jedoch durch die von Maffesoli hervor- gehobeneBedeutsamkeitdergemeinschaftsstiftenden Erfahrungsmomente die in einer bestimmten „Schwingung“ beständen (Maffesoli 1996, 98) im Gegensatz von einem rein pragmatisch orientierten Gruppeninteresse unterschieden. Angesichts der vorherrschenden Betonung dieser durch ihre Offenheit bestimmten und in ständi- ger Veränderung begriffenen Neuen Jugendkultu- ren im aktuellen Diskurs, stellt sich jedoch die Frage, inwiefern diese Versuche einer weiteren be- grifflichen Fassung allen jugendkulturellen Ver- gemeinschaftungsformen gleichermaßen gerecht werden können. So ist beispielsweise mit der elek- tronischen Musik- und Tanzkultur des Techno eine Gleichzeitigkeit und Koexistenz ihrer kom- merzialisierten Mainstreampräsenz und ihrer „subkulturellen“, einen bestimmten Lebensstil umfassenden Ränder eingetreten, die eine lineare Abfolge dieser infrage stellt (Richard 2000). Parallel bestehen zum anderen bis heute jugend- kulturelle Gruppen, die, so argumentiert Paul Hodkinson, den Charakteristika der britischen Nachkriegs-Jugendkulturen durchaus in weiten Teilen entsprechen. Diese subkulturelle Substanz , durch die sich diese bis heute auszeichneten, stelle sich in einem expliziten Zugehörigkeitsgefühl der

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