Handbuch 5. Auflage
754 Metz · Richard Jugendlichen zur spezifischen Gruppe und in ei- nem deutlich erkennbaren Stilkanon derselben dar (Hodkinson 2004, 141 ff.). Im Rückbezug auf die eingangs dargestellten Er- gebnisse der Shellstudie 2006 muss jedoch her- vorgehoben werden, dass sowohl die Jugendkul- turen, die sinnvoll mit dem offeneren Begriff der Jugendszene oder des Neo-Tribes gefasst werden können, als auch solche, die über subkulturelle Substanz im Sinne Hodkinsons verfügen, heute, anders als es noch in den 1970er und 1980er Jah- ren (auch angesichts eines stärkeren Medieninte- resses an solchen) erscheinen mochte, keinesfalls einen großen Prozentsatz aller Jugendlichen ab- bilden (Richard 2008b). Dennoch prägen diese Formen jugendlicher Ver- gemeinschaftung durch ihre auffälligen Repräsen- tationen stark das öffentliche Bild zeitgenössischer Jugend. So stellen beispielsweise die Skater oder die Street-Art- Aktivisten als urbane Jugendkultu- ren zwei zeitgenössische, besonders durch ihre Skills nach außen abgegrenzte Gruppen dar, die sich durch ihre Allgegenwart im öffentlichen Raum, bzw. die Allgegenwart der durch sie gesetz- ten visuellen Bezugspunkte auszeichnen. Nicht zuletzt angesichts der besondere Fähigkeiten er- fordernden, teilweise illegalen gruppeninternen Praktiken umfassen diese dabei jedoch nur einen verhältnismäßig geringen Prozentsatz der Jugend- lichen. Andere Jugendkulturen, wie die Visual Kei-Szene erhalten durch ihre spektakulären und exotisch anmutenden Inszenierungsstrategien eine breite Öffentlichkeit. Auch angesichts der verbindlichen Teilnahme ei- ner zahlenmäßig geringen, jedoch in ihren stilisti- schen Repräsentationen äußerst kulturrelevanten Gruppe Jugendlicher, an jugendkultureller Praxis, lässt sich eine deutliche Differenz zu den wenig an fester Zugehörigkeit zu jugendkulturellen Ver- gemeinschaftungsformen interessierten und stär- ker familiär und zukunftorientiert ausgerichteten Jugendlichen ausmachen, die aktuell die statisti- sche Mehrheit zu bilden scheinen. Dennoch fin- den die stilistischen Charakteristika der bewuss- ten Verfremdung, des spielerischen Mischens und Bricolagierens von Bedeutungsträgern aus den unterschiedlichsten Kontexten, der Irritation und Provokation von Sehgewohnheiten, die diese Ju- gendkulturen auszeichnen, ihren Weg in die mu- sikalischen und modischen Trends (Müller-Bach- mann 2002, 163) und werden so auch von einer breiteren Zahl Jugendlicher als Ausdruck eines zeitgenössischen Lebensgefühls wahrgenommen, was die Mutmaßung einer besonderen Sensibilität gegenüber kulturellen Prozessen und Brüchen unterstreicht, die im Rahmen solcher jugendkul- tureller Stile häufig ihren Ausdruck zu finden scheinen. Es erscheint auf diesem Hintergrund sinnvoll, sich jugendkulturellen Vergemeinschaftungsformen über die Beschäftigung mit ihren Inszenierungspraktiken zu nähern, die die jeweiligen Stilformationen prägen und konstituieren, wie im Folgenden anhand zweier Beispiele geschehen soll. Das Motiv der Liminalität. Eine Inszenierungstradition der Verweigerung, der Entfremdung und des Eskapismus Bereits 1969 angesichts des Auftretens der ersten Jugendkulturen im Lichte einer breiteren Öffent- lichkeit beobachtet der Ethnologe Victor Turner in Anbetracht des stilistischen Ausdrucks der Hippies und Beatniks deren liminoide Inszenierungsformen (Turner 2006 (1969), 111). In der symbolischen Abkehr von Besitz, körperlicher Unversehrtheit und geschlechtsspezifischer Kennzeichnung übernehme, so Turner, die sich als liminales Subjekt inszenie- rende Person eine zeitlich begrenzte Rolle im Zuge eines Rituals, eines „Sozialen Dramas“, die auf die weiterhin im Rahmen der alltäglichen Ordnung Verbleibenden eine verunsichernde und infragestel- lende Wirkung ausübe, indem sie den Statusord- nungen einer Gemeinschaft ihr Gegenbild im Sinne einer „Anti-Struktur“ entgegenstelle. Im Kontext jugendkultureller Inszenierung findet sich dieses Motiv von der durch Turner formulier- ten strengen rituellen Ordnung abgelöst als limi- noide Inszenierung. Beobachtet man jugendliche Inszenierungspraktiken sowohl in historischen ju- gendkulturellen Stilen als auch auf dem Hinter- grund neuer Jugendkulturen, so wird deutlich, wie diese Form der Selbstdarstellung bis heute ein zen- trales Motiv jugendlicher Stilisierung bleibt. Dabei ist dieses nicht speziell auf einzelne Jugendkulturen anzuwenden, sondern findet sich in dem durch Turner hervorgehobenen Motiv der inszenierten Armut und des Eskapismus im Kontext der Beat- niks und Hippies der 1950er und 1960er Jahre
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