Handbuch 5. Auflage

Jugendverbände und Jugendpolitik 777 1970er Jahre für immer mehr Jugendverbände die Möglichkeit, hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen, die aufgrund ihrer Qualifizierung (überwiegend Hochschulabschluss) neue Sichtweisen und Handlungsorientierungen in die bis dahin nahezu ausschließlich ehrenamtlich geführten Verbände einbrachten (Rauschen- bach / Schilling 1995). Darüber hinaus starteten die meisten Verbände in den 1970er Jahren auch Qualifizierungsoffensiven für ihr ehrenamtliches Personal. Gruppenleiterschulungen wurden ent- wickelt, deren fachliches Niveau nicht selten die Qualität von einschlägigen Berufsausbildungen erreichte oder überschritt. Schließlich erhöhten auch die zunehmend komplexer werdenden Me- chanismen der öffentlichen Förderung den Pro- fessionalisierungsdruck. Die jüngste Entwicklungsphase der Jugendver- bände könnte als strukturelle Modernisierung be- schrieben werden. Zu beobachten sind dabei Pro- zesse, die die Binnenstruktur der Verbände selbst verändern und an gesellschaftliche Entwicklungen anpassen. Abgesehen davon, dass ein solcher An- passungsprozess stets stattgefunden hat, scheint er nun Bereiche zu betreffen, die seit jeher zu den Kernbestandteilen der Jugendverbandsarbeit zähl- ten (Rauschenbach 1994). Zunehmend weniger scheinen sich Jugendliche in der herkömmlichen Art und Weise – einmal wöchentlich ist Gruppen- stunde – organisieren zu lassen. Viele Jugendver- bände entwickeln daher – insbesondere auch in den neuen Bundesländern – Formen der offenen, teilweise selbstorganisierten und individualisierten Angebote für Jugendliche. Darüber hinaus deuten weitere Entwicklungen auf ein stärkeres Revire- ment jugendverbandlicher Strukturen hin: Formen der Organisations- und Personalentwicklung, des Managements oder ganz allgemein der Dienstleis- tungsorientierung werden in den Führungsetagen der großen Verbände wie selbstverständlich disku- tiert, Projekte unter diesen Themenstellungen ini- tiiert und umgesetzt (Gängler 1995b). Merkmale von Jugendverbänden Trotz der Vielfalt der seit der um 1900 entstandenen Jugendorganisationen und -verbände, ihren welt- anschaulichen Unterschieden und der ausgeprägten Heterogenität in Organisationsformen und Tätig- keitsschwerpunkten, lassen sich sechs den meisten Jugendverbänden gemeinsame Merkmale ausma­ chen. Entstehung und Erfolg der Jugendverbände seit 1. 1900 verdanken sich nicht zuletzt der engen Bin- dung an Milieus . Jugendverbände entstanden aus den spezifischen Milieus des ausgehenden Kaiser- reichs. Dabei gelang es insbesondere den konfes- sionellen Organisationen, Jugendliche entspre- chend ihren Berufsrollen, verstärkt auch in ländlichen Regionen zu rekrutieren. Ähnlich er- folgreich, wenn auch nicht im gleichen Umfang, war die sozialistische und sozialdemokratische Ju- gendbewegung im Arbeitermilieu der wachsen- den industriellen Zentren. Diese Milieunähe der Verbände erwies sich dabei als besonders ergiebi- ger Rekrutierungsfaktor, der über die Organisati- onsform Verband gleichzeitig wieder zur Stabili- sierung der Milieus beitrug. Jugendverbände waren damit gleichzeitig Produkte und Produzen- ten von Milieus. Ihre 2. Organisationsform ist – obwohl staatlich ini- tiiert und gefördert – eine privatrechtliche, über- wiegend eine vereinsförmige . Sie sind daher von Anfang an auch Teil des Systems gesellschaftlicher Dienstleistungen im Sozial-, Bildungs- und Erzie- hungsbereich, rechtlich kodifiziert und über staatli- che Mittelvergabe gebunden. Von Anbeginn an war der Jugendpflegebereich von staatlichem Inte- resse geprägt, blieb jedoch organisatorisch und in- haltlich den einzelnen Vereinigungen weitgehend überlassen (Naudascher 1990). Ihre 3. Personalstruktur war von Anfang an ganz über- wiegend ehrenamtlich geprägt. Im Gegensatz etwa zu den Wohlfahrtsverbänden entwickelten die Ju- gendverbände erst vergleichsweise spät Formen der Verberuflichung. Bis heute ist Ehrenamtlichkeit ein zentrales Merkmal der Jugendverbandsarbeit ge- blieben, dem sowohl in Grundsatzerklärungen wie politischen Äußerungen ein hoher Stellenwert ein- geräumt wird.Allerdings wandelten sich die Formen des Ehrenamts im Laufe der Zeit: Waren anfänglich die Ehrenamtlichen Erwachsene (überwiegend männlichen Geschlechts), so veränderte sich dies zunehmend unter dem Einfluss der Jugendbewe- gung. In den meisten Jugendorganisationen – nicht nur den „bündischen Gruppen“ – kamen auch jün- gere Ehrenamtliche zum Einsatz. Mit dieser Verjün- gung setzte eine Differenzierung ein, die bis heute

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