Handbuch 5. Auflage
778 Gängler Bestand hat: Die Verbandsfunktionen, Leitungsgre- mien und die meisten Führungsaufgaben bleiben den „Erwachsenen“ vorbehalten, die pädagogische Tätigkeit auf der Ebene der Jugendgruppen, bei Fahrten, Zeltlagern etc. übernehmen Jugendliche und junge Erwachsene. So differenzierte sich inner- halb der Jugendverbände das politische vom sozia- len Ehrenamt. Auch gab es von Beginn an Bemü- hungen um eine Qualifizierung der Ehrenamtlichen. Die Zentralstelle für Volkswohlfahrt, aber auch örtli- che Organisationen führten Jugendpflegekurse durch (Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge 1913, 835ff.). Allerdings übernahmen im Laufe der Zeit mehr und mehr die Verbände selbst diese Schu- lungsaufgaben. Dies bot aus verbandlicher Sicht die Möglichkeit, Verbandsinhalte und Weltanschauung als Schulungsgegenstände zu vermitteln, um so die Verbandsidentität beim eigenen ehrenamtlichen Personal zu fördern. Die Jugendverbände stellen eine 4. Institutionalisie- rung des Generationenverhältnisses außerhalb von Familie, Schule und Berufsausbildung dar. Sie wer- den daher auch als „dritte Bildungs-“ oder „vierte Sozialisationsinstanz“ bezeichnet(Schefold 1972). Jugendverbände stellen damit zunächst einmal so- ziale Ressourcen dar, die unter pädagogischen (so- zialisatorischen) Aspekten für Jugendliche Bedeu- tung bekommen. Sie bieten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, eigene soziale Netze aufzubauen. Diese Möglichkeit gewinnt vor dem Hintergrund demographischer Entwicklungen eine neue Qualität. Innerhalb von Jugendgruppen kön- nen Beziehungsfähigkeiten entwickelt und erprobt werden. Die Gruppen entwickeln sich daher zuneh- mend zu einem Ort „institutionalisierter Ersterfah- rung“ (Rauschenbach 1994). Jugendverbände stel- len zudem Experimentierfelder für Lebensentwürfe dar. Jugendliche können sich innerhalb der Ver- bände der Frage stellen, ob und wie sie sich für un- terschiedliche Lebensentwürfe entscheiden. Es bie- ten sich Möglichkeiten der Diskussion, des Experiments, des Abwägens und des Integrierens verschiedener Perspektiven. Jugendverbände kön- nen für Jugendliche schließlich auch ein Forum für kritische Auseinandersetzung bieten. Innerhalb der Gesellschaft sind für Jugendliche kaum Orte in Sicht, in denen sie ernst genommen werden und sich in ih- ren Ansichten auch kritisch mit Erwachsenen und Jugendlichen auseinandersetzen können (Gängler 1991). Sie entwickeln eigene pädagogische Formen und 5. Methoden, von denen insbesondere die Arbeit mit Gruppen herausragende Bedeutung gewinnt. Die Gruppe ist nach wie vor das pädagogische Herz- stück der Jugendverbandsarbeit; sie ist durch die Jugendverbände geradezu als pädagogisches Me- dium entdeckt worden (Böhnisch / Gängler 1991). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die staatliche Jugendpflege institutionalisiert wurde und das so- zialkulturelle Potenzial der bürgerlichen Jugend- bewegung an Einfluss gewann, konnte die Jugend- verbandsarbeit dabei in hohem Maße auf bereits existierende Gruppen zurückgreifen. Diese Grup- pen waren im Bereich der Jugendpflege vor allem die Schulklassen (von der ländlichen Fortbildungs- schule bis zu städtischen Gymnasien) sowie die jahrgangsmäßig organisierten Jugendlichen, die sog. „Jahrgänge“ in den jeweiligen Sozialmilieus (die Dorfjugend, die Arbeiterjugend in Stadtvier- teln etc.). Die in der Jugendpflege Tätigen orien- tierten sich hierbei an den „naturwüchsigen“ Gruppen wie bereits bestehenden Cliquen oder an solchen Gruppen, die durch die pädagogische In- szenierung „Schule“ bereits vorgegeben waren. Jugendverbände organisieren Jugendliche vor- 6. nehmlich in Gesellungsformen Gleichaltriger . Dieses pädagogische Phänomen der Gleichaltrigenerzie- hung, die als organisierte Gleichaltrigenbeziehung den Kern verbandlicher Jugendarbeit ausmacht, ist ein so in keinem anderen pädagogischen Feld vor- findbares Phänomen. Die Eigentümlichkeit dieses Erziehungsverhältnisses ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund eines sich in der Gleichaltrigen- erziehung konstituierenden eigenen Erfahrungs- und Handlungsfeldes. Die pädagogische Bezie- hung zwischen Jugendlichen und Jugendlichen (bzw. Kindern) öffnet spezifische eigene Erfah- rungsräume, die durch eine intergenerative Erzie- hung nicht vermittelt werden können: In ihrer all- täglichen Lebensbewältigung machen Jugendliche Erfahrungen, sammeln Wissen und erlernen Fähig- keiten und Fertigkeiten, die auch für ihre Alters- genossen, ihre Generation brauchbar und wichtig sein können. Dieses Wissen, diese Erfahrungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten haben Jugendliche den Erwachsenen voraus. Jugendliche können diese Erfahrungen, ihre eigene Lebenspraxis ande- ren Jugendlichen zugänglich machen und dies in mehr oder minder institutionalisiertem Rahmen in- nerhalb der Jugendverbände.
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