Handbuch 5. Auflage

Jugendverbände und Jugendpolitik 779 Diese sechs Strukturmerkmale der Jugendver- bände haben im Laufe ihrer Entwicklung zuneh- mend Ambivalenzen entwickelt, so dass sich heute die Frage stellt, ob es sich bei den Jugendverbän- den möglicherweise um ein Übergangsphänomen handelt. Die starke Milieubindung der Jugend- verbände verkehrt sich in ein zunehmendes Re- krutierungsproblem, wenn traditionelle Milieus sich aufzulösen beginnen oder zumindest ihre selbstverständliche Bindungskraft abnimmt. Die vergleichsweise hohe inhaltliche Autonomie der Verbände wird zunehmend eingeschränkt bei knapper werdenden Mitteln, so dass etwa die Po- litik mit Hilfe bestimmter Finanzierungstechni- ken (Programmfinanzierung etc.) die durch die wachsende Zahl hauptberuflicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von öffentlichen Mitteln abhängiger werdenden Jugendverbände in ihrem Sinne sozialstaatlich funktionalisieren kann. Die gewachsene Organisationsstruktur mit einem ho- hen Anteil ehrenamtlichen Engagements wird brüchig, wenn das Ehrenamt zunehmend an At- traktivität verliert (Rauschenbach 1994). Schließ- lich werden zunehmend Auflösungserscheinungen der Gruppe im Jugendverbandsbereich konsta- tiert. Ob dies eine Begleiterscheinung des gesell- schaftlichen Individualisierungsprozesses oder als Zeichen für eine Umwandlung und Restrukturie- rung von Gesellungsformen zu deuten ist, wird derzeit kontrovers diskutiert. Die Prognose für die Jugendverbände lautet dann, dass sie immer weniger auf „naturwüchsige“ oder bereits existie- rende Gruppen zurückgreifen können, sondern Gruppen erst inszenieren müssen. Dies hat ent- sprechende Konsequenzen für Kernbestandteile jugendverbandlicher Organisationsstrukturen: Ehrenamtlichkeit und Mitgliedsstruktur . 1. Aussagen zur quantitativen Bedeutung des Eh- renamts in Jugendverbänden sind außerordentlich schwierig, da es keine zuverlässigen empirischen Untersuchungen gibt. Schätzungen decken eine Bandbreite von 200.000 bis zu 1.000.000 ab (Düx 2000, 118), wobei die niedrigeren Zahlen in der Regel von wissenschaftlicher Seite, die höheren Zahlen von Verbandsseite stammen. Unabhängig von einer präzisen Quantifizierung der Ehrenamt- lichen, weisen die Diskussionen der letzten Jahre – und insbesondere die intensivierten Bemü- hungen der Verbände um die Rekrutierung Ehren- amtlicher – auf fünf Strukturprobleme hin, mit denen sich Jugendverbände auseinandersetzen müssen (Düx 2000, 133). Erstens befinden sich die Verbände in einem Rekrutierungsdilemma, da Eh- renamtliche verstärkt gewonnen werden müssen, und nicht mehr selbstverständlich „nachwachsen“. Zweitens befinden sich die Verbände in einem Konkurrenzdilemma, da sie hinsichtlich der Frei- zeitangebote nur noch ein Veranstalter unter vielen anderen – kommerziellen und nichtkommerziel- len – sind. Drittens entwickelt sich ein Gratifikati- onsdilemma, da ehrenamtliche Tätigkeit kaum mehr zum Nulltarif zu haben ist. Daher haben auch die Verbände in den letzten Jahren verstärkt Varianten der materiellen und symbolischen Grati- fikationen entwickelt. Viertens verschärft sich das Verberuflichungsdilemma. Zunehmende Profes- sionalisierung im Verbandsbereich, so notwendig und unverzichtbar sie hinsichtlich immer komple- xer werdenden Förderungsstrukturen und an- spruchsvoller pädagogischer Anforderungen auch ist, erhöht den Leistungsdruck für Ehrenamtliche, die ja in aller Regel die Vorgesetzten der Professio- nellen sind. Fünftens entwickelt sich aus den ge- schilderten Anforderungen heraus ein Qualifizie- rungsdilemma angesichts der gestiegenen pädagogischen, administrativen und politischen Herausforderungen. Aus diesen Gründen kommt Düx zu dem Schluss, „daß die ‚klassische‘ Form des Ehrenamts im Jugendverband – aus Verantwor- tung, Überzeugung, Pflichtgefühl und Verbands- identifikation – als langfristiges institutionen- gebundenes Engagement für andere außerhalb des privaten Umfelds ohne direkte Rückerstattung und ohne spezielle Qualifikation mehr und mehr zu schwinden scheint.“ (Düx 2000, 135) 2. Ähnlich schwierig wie bei der Frage nach den Ehrenamtlichen gestaltet sich die Frage nach den Mitgliedern der Verbände. Auch hier kann man nicht auf zuverlässige empirische Untersuchungen zurückgreifen. Zwar wird in repräsentativen Ju- genduntersuchungen (z. B. Shell-Studien) immer wieder der sog. Organisationsgrad der Jugend- lichen erhoben, jedoch ist daraus kein eindeutiger Rückschluss auf Jugendverbände möglich. Wenn in der Shell-Studie 2000 von einem vergleichsweise stabilen Organisationsgrad von 42% der Jugend- lichen die Rede ist, so werden hier als Organisatio- nen nicht nur Jugendverbände verstanden, sondern auch andere Zusammenschlüsse wie Fanclubs etc. Insofern schwanken auch die Angaben zum Orga-

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