Handbuch 5. Auflage

Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe 785 sationen (VENRO) 2003; Rattat 2007; Böhme 2007). Damit ist die Frage nach dem Zusammen- hang zwischen Katastrophenhilfe und humanitärer Hilfe – also nach Ethik – berührt. Ethik und Politik Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe zu unter- scheiden, bedarf der Begründung, weil im öffent- lichen Sprachgebrauch nicht selten von einer Über- einstimmung beider Hilfeformen ausgegangen wird. In einem solchen Verständnis ist alle Kata- strophenhilfe zugleich humanitäre Hilfe – was in- dessen strittig ist, denn diese wird auch in Situatio- nen und Regionen geleistet, die von akuten Großschadensereignissen entfernt sind –, es sei denn, man geht von einer Permanenz katastropha- ler Verhältnisse aus, wie sie seit Jahrzehnten in Hunger- und Kriegsgebieten mit hohen Mortali- täts- und Verletzungsraten typisch sind. Von dieser Auffassung der Katastrophe unterscheidet sich eine andere, die ein zeitlich vergleichsweise begrenztes „verheerendes“ Schadensereignis von den Phasen der Regeneration, der Stabilisierung und der lang- fristigen Wiederherstellung öffentlichen und priva- ten Lebens abhebt. Dieses Ereignis ist, obwohl es sich lange angebahnt haben mag, zeitlich relativ klar abgrenzbar und wird im kulturellen Gedächt- nis der Region auch als außerordentlich präsent gehalten. Es ist das Geschehen, vor dessen Eintritt ein relativ unbelastetes öffentliches Leben herrschte und nach dem eine (relativ) unbelastete Normalität angestrebt wird (z. B. vor und nach der Flut, vor und nach Tschernobyl). So verstanden scheint es sinnvoll, zwischen Kata- strophenhilfe und humanitärer Hilfe zu unterschei- den, weil damit folgende Beziehung angezeigt wird: zwischen der kurzfristigen Unterstützung in Notsi- tuationen großen Ausmaßes und mittel- bis lang- fristigen Unterstützungen durch Zusammenarbeit in (Wieder-)Aufbauprojekten (Verbindung von Soforthilfe, Wiederaufbau und Entwicklung, Eu- ropean Union 2001; VENRO 2006; Treptow 2009). Abbildung 1 veranschaulicht den idealtypi- schen Verlauf, der auf zunehmende Eigenständig- keit und sinkende Abhängigkeit von Hilfeleistun- gen angelegt ist. Es ist historisch gesehen keineswegs selbstverständ- lich, dass Katastrophenhilfe sich grundsätzlich von Abb. 1:  Verbindung von Soforthilfe, Wiederaufbau und Entwicklung Soforthilfe Wiederaufbau Entwicklungszusammenarbeit Zeit Leben retten Selbstversorgung gewährleisten Lebensbedingungen verbessern, um die Folgen möglicher künftiger Katastrophen abzumildern Katastrophenhilfe Save And Rescue (SAR) Medizin, Schutz, Nahrung, Kleidung Basis-Infrastruktur Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung Senkung der Abhängigkeit Steigerung der Eigenständigkeit Ereignis

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