Handbuch 5. Auflage
Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe 787 Außenpolitik sein könnten. Die These, dass „huma- nitäre Hilfe für kriegerische Zwecke instrumen talisiert“ wird, thematisiert die problematische Koppelung von Angriffskriegen mit gleichzeitiger Begleitung durch staatliche humanitäre Hilfe. Dies ist beispielsweise im Afghanistan geschehen, als der Abwurf von Nahrungsmitteln aus US-Flugzeugen als humanitäre Hilfe deklariert wurde. Dies löste den starken Protest von Hilfsorganisationen, ins- besondere der Kirchen, aus (Misereor et al. 2003). Medico International vertritt sogar die Ansicht, dass zwar unzählige Menschen ohne humanitäre Hilfe sterben würden, aber diese Hilfe verstetige auch die Ursachen von Krieg und Verelendung (Gebauer 2003). Die Indikation, dass der Humanitarismus in der Krise sei, zielt nicht außerdem auf die Erosion des Neutralitätsgebots, auf Defizite in der Koor- dination und der mangelnden Professionalisierung humanitärer Hilfe (Polman 2005; Reiff 2002). Organisationen Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe spielen bis- lang weder in Theorie noch in Empirie Sozialer Ar- beit eine bedeutende Rolle. Dabei sind es – in Deutschland – die großen und kleineren Träger aus der Liga der Freien Wohlfahrtspflege, also die Ver- bände der Sozialen Arbeit, die seit Jahrzehnten Hilfseinsätze in transnationalem und nationalem Maßstab organisieren. Die Logos dieser Organisa- tionen – z.B. Diakonisches Werk, Caritas Interna- tional, Deutsches Rotes Kreuz – lenken nicht nur durch qualifizierten Einsatz, sondern immer dann besonders intensive öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, wenn um Spendengelder gebeten wird. Moti- viert durch die medial vermittelten, sehr zeitnahen Berichte über Katastrophen rund um den Globus nimmt das Spendenaufkommen teilweise beträcht- liche (Millionen-)Höhen an. Meist rücken Fach- kräfte der Hilfsorganisationen in Koordination mit Krisenstäben des Auswärtigen Amtes sowie mit regionalen Partnerorganisationen am Ort des Ge- schehens aus und bringen Hilfsgüter, Spürhunde, medizinisches und technisches – mitunter schwe- res – Gerät. Vonseiten des Staates werden zusätzlich Mittel für humanitäre Hilfe zur Verfügung gestellt (Auswärtiges Amt 2009). In Deutschland wird diese Hilfeform durch die Katastrophenschutzgesetze der Länder flankiert, wobei der Bund mit technischer Ausstattung und personeller Ausbildung ergänzt. Die Ständige Konferenz für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutz (2000, 1) versteht unter einer Katastrophe: „ein Geschehen, das Leben oder Gesundheit zahlreicher Menschen, erheblicher Sachwerte oder lebensnotwen- dige Versorgung der Bevölkerung in so ungewöhnlichem Maße gefährdet oder schädigt, dass es geboten erscheint, ein zu seiner Abwehr und Bekämpfung erforderliches Zu- sammenwirken von Behörden, Stellen und Organisatio- nen unter die einheitliche Leitung der Katastrophen- schutzbehörde zu stellen“. Regionale, nationale, inter- und transnationale Ebe- nen sind wie folgt unterscheidbar (vgl. Abb. 2). Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe gehören zwar formal, personell und sachlich zu jenen Trä- gern. Dies rechtfertigt aber nicht die Annahme, es handele sich bei Katastrophenhilfe und humanitärer Hilfe durchweg um Soziale Arbeit. Dem entspre- chen weder die politischen Rahmenbedingungen noch die besondere, interprofessionelle Logik der Hilfeleistungen oder die Selbstbeschreibungen der Akteure, die für das Zusammenwirken des gesund- heits- und ordnungspolitischen Auftrags tätig sind. Hinzu kommt die Tatsache, dass im Handlungsfeld nur in vergleichsweise geringem Ausmaß Sozial- arbeiter(inn)en vertreten sind. In der Hauptsache sind es Berufe aus dem technischen Bereich (Tech- nisches Hilfswerk, Minenräumdienste) sowie aus Medizin und Toxikologie (Katastrophenmediziner, Experten zur Dekontamination, Hygienefachleute). Hinzu kommen Fachkräfte für Bauwesen, Land- wirtschaft und Ernährung sowie Psychologen und Notfallseelsorger. Sozialarbeiter(inn)en haben ihre Aufgabengebiete z.B. im Bereich der Betreuung von Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben, in der gemeinwesenorientierten Krisenbewältigung und der posttraumatischen Reorganisation der all- täglichen Lebensbewältigung, mitunter auch in der direkten Krisenintervention und Trauerbegleitung.
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