Handbuch 5. Auflage

Kinder- und Jugendhilfe 809 Dies zeigt auch die zeitliche Ausdehnung der Le- bensphase, die als Kindheit und Jugend bezeich- net wird, und von der Geburt bis weit in das dritte Lebensjahrzehnt hineinreicht. Die Jugend- forschung weist darauf hin, dass für einen großen Teil der Jugend die Integration in den Erwerbs- arbeitssektor nach hinten verlagert und sich die Jugendphase entsprechend ausgedehnt hat. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz wird das Erreichen des 27. Lebensjahres als Endpunkt gesetzt, doch im Lebensalltag ist der Übergang von der Jugend ins Erwachsenenalter fließend geworden. Es ist für viele Jugendliche ein unübersichtlicher Über- gang, der jeweils stark durch die sozialen und bio- graphischen Handlungsspielräume geprägt ist und für den eine Verlaufsprognose nur schwer gegeben werden kann. Insgesamt kann „von einer neuen Form des Übergangs“ in das Erwachsenen- alter ausgegangen werden, „deren bestimmende Merkmale ihre Offenheit und Ungewissheit sind“ (Walther 2000, 59). Die Herausforderung besteht gegenwärtig darin, eine Perspektive zu entwickeln, die an den Potenzia- len von Kindern und Jugendlichen in ihrer biogra- phischen Unterschiedlichkeit anknüpft (Leiprecht 2008) und gleichzeitig gegen soziale Benachtei- ligung eintritt. Es gilt somit die Heterogenität von Kindheiten und Jugenden wahrzunehmen und z.B. einem Zugang der Diversität zu folgen, in dem Kin- der und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder Mädchen und junge Frauen nicht einfach auf- grund eines Merkmals stigmatisiert werden. Denn in der Perspektive der Diversität steht nicht der eth- nische Unterschied, die interkulturelle Besonderheit oder Differenz zwischen den Geschlechtern im Vor- dergrund der Betrachtung. Die Verschiedenheit an sich als Strukturelement von Kindheit und Jugend in der heutigen Gesellschaft wird zum Ausgangs- punkt der Kinder- und Jugendhilfe. Die politische und pädagogische Herausforderung wird also nicht in einem Merkmal von einzelnen Kindern und Jugendlichen gesehen (z. B. auslän- discher Jugendlicher), das sich zum Stigma ent- wickeln kann, sondern es wird zuerst nach den sozialen Kontexten des Aufwachsens gefragt – so- ziale Ungleichheit und Ausgrenzung, Teilhabe- möglichkeiten im Stadtteil, Berufs- und Bildungs- chancen – und dann erst danach, wie darin der Migrationshintergrund oder das Geschlecht eine bestimmte Rolle spielen. Dies bedeutet nun nicht, dass unterschiedliche Herkünfte oder kulturelle Zugehörigkeiten geleugnet werden, sie werden vielmehr vorausgesetzt. Es wird anerkannt, dass die Lebensverhältnisse von Kindern und Jugend- lichen diesbezüglich different und plural sind. Damit erhält die Kinder- und Jugendhilfe auch einen anderen Blick auf die Dimensionen und Bezüge sozialer Ungleichheit. Es kann gesehen werden, dass es soziale Benachteiligungen und Zugangsverwehrungen sind, die z. B. Jugendliche mit Migrationshintergrund, aber auch andere Kinder und Jugendliche in bestimmten Lebens- lagen betreffen. Denn es ist nicht nur die zeitliche Ausdehnung sowie die Pluralisierung, die die Le- benslage Kindheit und Jugend heute prägen, son- dern vor allem die soziale Ungleichheit. Dies wird besonders im Problem der Kinder- und Jugend- armut (Butterwegge et al. 2005; AGJ 2009) deut- lich. Nachgewiesen wurde der naheliegende Zu- sammenhang,dassKindervonArmutsphänomenen in besonderer Weise betroffen sind, da Ar- mutsphänomene von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Hinzu kommt, dass insbesondere Jugendliche mit schlechten Bildungsabschlüssen wenige Chancen auf dem Arbeitsmarkt und vielfach lediglich Chancen auf prekäre Arbeitsverhältnisse haben. Insgesamt haben Kinder nicht nur „innerhalb der Familie eine schlechtere Wohlfahrtsposition als die übrigen Familienmitglieder“ (Joos 2001, 221), sie erfahren auch spezifische Selbstwerteinbußen über ihre Gleichaltrigenwelt. Joos sieht im alltäglichen Prozess der Herausbildung des kindlichen Wohl- befindens eine „wesentliche Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen. Sie geht davon aus, dass Vergleiche mit anderen Personen den Bewer- tungsprozess der Kinder stärker beeinflussen als bei Erwachsenen, da eigene Bewertungsstandards bei Kindern noch nicht so stark ausgeprägt sind“ (Joos 2001, 220). Es ist das alltägliche Bewältigungserleben (Böh- nisch 1997) von Armut, in dem sich ganz unter- schiedliche Mängelgefühle – als gefühlte Selbst- werteinbuße und erfahrener Mangel an sozialer Anerkennung – entfalten. Deshalb empfiehlt es sich für die Kinder- und Jugendhilfe, dass sie erst einmal eine sozialpolitische Abklärung vornimmt: Welche Spielräume haben eigentlich Kinder und Jugendliche, ihre Interessen jenseits von Familie und Schule in die Gesellschaft einzubringen, wie

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