Handbuch 5. Auflage
810 Struck · Schröer erleben die Kinder und Jugendlichen ihre Situation alltäglich? Damit wird das Konzept Lebenslage auch für die regionale Kinder- und Jugendhilfe re- levant. Es öffnet nicht nur den Blick für die Res- sourcen, die Kinder in zentralen Lebensbereichen wie Familie, Schule und Freizeit haben, sondern genauso für das alltägliche Bewältigungserleben und die gesellschaftliche Akzeptanz, die Kinder und Jugendliche erwarten können. Sozialpädagogische Fachlichkeit: Lebensbewältigung und Lebensweltorientierung Die Ausgestaltung und Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe ist auf einen fachlichen und wis- senschaftlichen Diskurs angewiesen. Dieser Dis- kurs hat sich im 20. Jahrhundert zunehmend etabliert und war eng mit der Entstehung und Pro- fessionalisierung der sozialpädagogischen Ausbil- dungsgänge verbunden. Zu Beginn des 20. Jahr- hunderts wurde darüber gestritten, warum eine Kinder- und Jugendhilfe in modernen Gesellschaf- ten überhaupt notwendig ist. Bis heute werden dabei in kritischer und konstruktiver Distanz zu den politischen Gestaltungsträgern und Institutio- nen der Kinder- und Jugendhilfe neue theoretische und praktische Perspektiven für die Kinder- und Jugendhilfe entwickelt. Zentrale Zugänge dieser neuen Fachlichkeit sind die Lebensbewältigung sowie Lebensweltorientierung. Grundlegend stellt sich dabei bis heute die Herausforderung für die Kinder- und Jugendhilfe, wie die sozialen Teilhabe- und Partizipationsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen verbessert werden können. Ein sozialpädagogischer Zugang zur Kinder- und Jugendhilfe richtet den Blick darum vor allem auf die Beschaffenheit der Lebenslage, in der die Kin- der und Jugendlichen sich befinden und sucht nach stabilisierenden und unterstützenden Verän- derungsmöglichkeiten. Es ist eine sozialisatorische Perspektive, die davon ausgeht, dass die Bedingun- gen der sozialen und gesellschaftlichen Umwelt entscheidenden Einfluss auf die Entwicklungs- und Bildungsprozesse haben. Welche Zukunftsvorstel- lungen ein Kind und ein junger Mensch entwickelt, wie sie ihr oder er sein Leben gestaltet, welche Wert- und Moralvorstellungen vertreten werden und welche tatsächlich real gegebenen Entfaltungs- räume vorhanden sind, hängt entsprechend maß- geblich von den Handlungsspielräumen ab, wie sie in der Lebenslage gegeben sind. Böhnisch und Schefold haben in diesem Zusam- menhang bereits in den 1980er Jahren herausgear- beitet, dass sich die Lebenslagen vieler Kinder und Jugendlichen in unserer Gesellschaft durch be- grenzte Handlungsspielräume und die Nichtaner- kennung von Bedürfnissen der Kinder und Jugend- lichen auszeichnen (Böhnisch / Schefold 1985). Viele Kinder und Jugendlichen erleben einen Be- wältigungsdruck, jenseits von sozialen Sicherhei- ten. Entsprechend sind die sozialen Handlungs- spielräume von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft sozial ungerecht und weiterhin geschlechtlich strukturiert. So werden Jungen und Mädchen unterschiedliche soziale Handlungsspiel- räume eröffnet und in ihren Bedürfnissen unter- schiedlich anerkannt. Dabei lassen sich in der Lebensbewältigung von Kindern und Jugendlichen drei Bedürfnisstruktu- ren herausstellen (Böhnisch 2008): das Verlangen nach einem stabilen ■ ■ Selbstwert , nach sozialer ■ ■ Anerkennung und nach der Erfahrung von ■ ■ Selbstwirksamkeit (aus dem Gefühl, etwas zu bewirken und seine Hand- lungen kontrollieren zu können). Kinder und Jugendliche suchen soziale Räume und Sorgebeziehungen in ihrer Lebensbewältigung, um Selbstwert, soziale Anerkennung und Selbstwirk- samkeit zu erfahren. In diesem Zusammenhang kann zwischen einfacher und erweiterter Hand- lungsfähigkeit unterschieden werden. Erstere ist auf individuelles Durchkommen, ein reines „Über- die-Runden-Kommen“ zentriert, letztere weist da- rüber hinaus. Sie lässt eine individuelle und soziale Bildungsperspektive in der Biographie, auch das Interesse an Anderen und an der sozialen Umge- bung erkennen. In einem sozialpädagogischen Verständnis stellt sich darum die Frage, wie die Lebenslage der Kinder und Jugendlichen pädagogisch und sozialpolitisch mit- gestaltet werden kann: Sozialpädagogik verfolgt da- bei zuallererst das Ziel, Lebensbedingungen zu schaffen, welche den Individuen nicht bloß existen- tielle Sicherheit geben, sondern Entwicklungs- und Bildungsmöglichkeiten eröffnen, die schließlich zu einem selbstbestimmten Leben führen. Es geht da-
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