Handbuch 5. Auflage

Kindertagesbetreuung – Frühpädagogik 819 und das bedeutete Erwerbsarbeit auch für Frauen. Kinderbetreuung – in ihrer Bildungsfunktion (für die sozialistische Gesellschaft) ebenso wie in ihrer Vereinbarkeitsfunktion – wurde als öffentliche Aufgabe gesehen und staatlich organisiert. Die Kindergärten waren Ganztagseinrichtungen, sie gehörten zum Bildungswesen und standen in enger Verbindung mit der Schule (Höltershinken et al. 1997). Auch die Kleinkindbetreuung wurde um- fassend ausgebaut. Über die Auswirkung der kol- lektiven Erziehung kleiner Kinder wird bis heute diskutiert. Nach der deutschen Vereinigung wurde die Tages- betreuung in den neuen Bundesländern reformiert und nach westdeutschem Vorbild vollkommen umstrukturiert. Im Nachhinein lässt sich konsta- tieren, dass die Chance für eine gemeinsame Re- form der Tagesbetreuung in Ost- undWestdeutsch- land damals nicht genutzt wurde (Neumann 1997). Angesichts der demografischen und finanziellen Entwicklung in den neuen Bundesländern wurden hier Kindergartenplätze zurückgefahren. In Westdeutschland knüpfte man organisatorisch und inhaltlich an die Strukturen der Weimarer Re- publik an und setzte in der Familienpolitik auf die Hausfrauen-Familie als Normalfall; erst in den 1960er Jahren erhielt die westdeutsche Kindertages- betreuung entscheidende neue Impulse durch die erste Bildungsreformbewegung. Entscheidend war die damals neue Vorstellung von Begabung als Er- gebnis von Anregung und Förderung (Roth 1966) und eine autoritätskritische Gesellschaftstheorie (Mollenhauer 1968). Kognitive Frühförderung, an- tiautoritäre Erziehung und kompensatorische Erzie- hung markierten die sehr unterschiedlichen Positio- nen im „Streit um die Vorschulerziehung“ (Flitner 1967). Mit der Forderung nach Einschulung der 5-Jährigen und der Einrichtung von Vorklassen und Eingangsstufen begann eine neue Diskussion über das Verhältnis von Kindergarten und Schule; letzt- lich blieb allerdings nur die formelle Zuordnung des Kindergartens als „Elementarbereich des Bildungs- wesens“ (Deutscher Bildungsrat 1970), ohne dass die überkommenen Strukturen und Zuordnungen sich veränderten. In den Kindergärten aber ent- wickelten sich mit der Ausbreitung des Situations- ansatzes neue Formen der pädagogischen Arbeit. In den 1970er Jahren wurden auch die Weichen für die Betreuung der Kleinkinder neu gestellt. Aus der berechtigten Kritik an den schlecht aus- gestatteten Krippen entstanden die von Eltern (vor allem der Frauenbewegung) selbst organisier- ten Kinderläden bzw. Elterninitiativ-Gruppen und die Tagesmütter-Betreuung; allmählich wur- den auch die Arbeit und die Ausstattung der Krippen verbessert. Die Ausbildung der „Kindergärtnerinnen“ wurde 1967 neu geordnet, der Anteil unausgebildeter Kräfte in den Einrichtungen (1974: 69%) wurde sukzessive verringert (Rauschenbach et al. 1995). Die nun als „Erzieherinnen“ bezeichneten Fach- kräfte wurden in Fachschulen für Sozialpädagogik ausgebildet (Thiersch et al. 1999). Sie waren aller- dings an der gleichzeitig sich vollziehenden Aka- demisierung anderer pädagogischer Berufe (Grund- schullehrer, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen) nicht beteiligt. Für einen reinen Frauenberuf, der pädagogische Arbeit mit kleinen Kindern leistete, erschien eine akademische Ausbildung bis weit in die 2000er Jahre hinein nicht als notwendig Deutsche Kindertagesbetreuung im europäischen Kontext Im europäischen Kontext zeigt das gegenwärtige deutsche Kinderbetreuungswesen Besonderheiten durch seine Verankerung im Bereich der Jugend- hilfe und seine Distanz zur Schule sowie durch ein formal niedriges Niveau der Ausbildung der Fach- kräfte. Der Vergleich im Einzelnen aber ist schwie- rig (Fthenakis 2008), die Kinderbetreuungssysteme der europäischen Länder sind sehr heterogen. So wird neben der sozialpädagogischen Orientierung (z. B. in Deutschland) eine schulpädagogische Aus- richtung mit unterrichtsähnlichen Elementen (z. B. in Frankreich) und ein frühpädagogisches Profil (in Skandinavien) beschrieben (Oberhuemer /Ulich 1997; OECD 2006). Positiv wird im europäischen Vergleich der deut- sche Ansatz mit seiner engen Verbindung von Be- treuung, Bildung und Erziehung bewertet (OECD 2004), und zwar gerade gegenüber Ländern, die Elemente formaler Bildung mit Betreuung auf sehr niedrigem Niveau kombinieren. Insgesamt aber bleibt die (west-)deutsche Kindertagesbetreuung mit ihrem sehr geringen Angebot an Plätzen für Kleinkinder und in der Ganztagsbetreuung von Kindergarten- und Schulkindern hinter den An- forderungen der Europäischen Union zurück, die

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=