Handbuch 5. Auflage

820 R. Thiersch  der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, als Be- standteil der europäischen Wachstums- und Be- schäftigungsstrategie, eine große Bedeutung zu- misst. Weiter moniert der OECD-Bericht das zu geringe Niveau der deutschen Ausbildung und eine geringe gesellschaftliche Wertschätzung und Be- zahlung für das Betreuungspersonal; hier verbessert sich die Bilanz durch die seit 2004 etablierten aka- demischen Studiengänge. Hier wird auch die von der OECD angemahnte Forschung im Bereich von Kindertagesbetreuung und Frühpädagogik auf- gebaut. Bildungsbegriff, Bildungspläne und didaktische Zugänge Die gegenwärtigen Veränderungen der pädago- gischen Arbeit in den Kindergärten und ihres me- thodisch-didaktischen Bewusstseins können nur vor dem Hintergrund der Entwicklungen in den letzten 40 Jahren und der traditionellen pädago- gischen Konzepte verstanden werden. Traditionelle konzeptionelle Orientierungen Seit den 1970er Jahren wurde die pädagogische Ar- beit in den Kindergärten durch den Situations- ansatz bestimmt (Zimmer 1985; Colberg-Schrader et al. 1991). Dieser Ansatz stellte das Arbeiten mit einem offenen Curriculum und die Priorität des sozialen Lernens auf der Grundlage von Analysen der Lebenssituation der Kinder (Situationsana- lysen) in den Mittelpunkt. „Die ‚Situationsorien- tierung‘ (hat) dem deutschen Kindergarten […] ein einheitliches konzeptuelles Dach gegeben“ (Roßbach et al. 2008, 124). Insgesamt arbeiteten die Erzieherinnen sehr eigenständig; das freie Spiel der Kinder hatte einen hohen Stellenwert, es war allerdings weitgehend von der Fröbelschen Tradi- tion abgelöst. Neben dem Situationsansatz waren auch andere Konzeptionen in den Kindergärten vertreten, wie die Montessori-Pädagogik, die Wald- dorfpädagogik und die zunehmend rezipierte Reg- gio-Pädagogik. Weit verbreitet hatte sich auch das Praxis-Konzept der Offenen Arbeit, bei der die herkömmlichen Gruppenstrukturen aufgelöst wer- den. Dezidiert nicht übernommen wurden die schulorientierte Arbeit der École Maternelle in Frankreich, sie entsprach mit ihrem geschlossenen Curriculum und der großen Bedeutung von Schul- vorbereitung nicht dem spezifischen Selbstver- ständnis deutscher Frühpädagogik. Das Selbstverständnis der pädagogischen Arbeit in den deutschen Kindergärten war geprägt durch die Wertschätzung der Kinder und ihrer Familien und das Verständnis des Kindergartens als Lebenswelt und Lernort. Hier hatten die Kinder die Möglich- keit, ihre Persönlichkeit zu entfalten, zu spielen, sich als Junge und Mädchen zu erfahren und zu erproben, Gruppenerfahrungen zu machen und ihre Umwelt zu erkunden. Die pädagogische Ar- beit war im Kontext eines sozialpädagogisch ge- prägten Selbstverständnisses primär über den Be- griff „Erziehung“ definiert, „Bildung“ wurde als kognitive Bildung verstanden und der Schule als dem „Bildungswesen“ zugeordnet. Für den Kinder- garten spielte das Erleben elementarer demokrati- scher Umgangsformen und sozialer Werte eine große Rolle, ebenso wie die Wertschätzung von Kindern mit Migrationshintergrund und die inter- kulturelle Erziehung. Durch diese Ausrichtung hat der Kindergarten gewiss viel auch zur Integration der zugewanderten Familien beigetragen. Die Prin- zipien dieser Arbeit stehen auch in der neueren Entwicklung nicht zur Diskussion. Die konzeptio- nelle Orientierung ist allerdings bei weitem nicht überall zufriedenstellend umgesetzt worden; in der Folgezeit wurden vielfältige Defizite in Theorie und Praxis der Kindergartenarbeit aufgezeigt; die Kritik am Situationsansatz wurde seit Mitte der 1990er Jahre in Fachkreisen formuliert (Laewen et al. 1997; Elschenbroich 2002), dabei wurde die relative Unverbindlichkeit in Bezug auf die metho- disch-didaktische Ausgestaltung, das Fehlen einer entwicklungspsychologischen und anthropologi- schen Fundierung und einer empirischen Über- prüfung moniert, ebenso wurde die Vernachlässi- gung von kognitiven Herausforderungen kritisiert. Die Kritik am Situationsansatz, aber auch am Kin- dergarten insgesamt, bediente sich der für den Kindergarten ganz neuen Zugangsweise des Quali- tätsmanagements; es wurden unterschiedliche Konzepte zur Qualitätskontrolle entwickelt (Tietze et al. 1997; Kronberger Kreis 1998); die inzwischen sehr ausgedehnte Qualitätsforschung wird aller- dings gegenwärtig aus der Perspektive der Kind- heitsforschung kritisiert ( → Honig, Kindheit).

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