Handbuch 5. Auflage
Kindertagesbetreuung – Frühpädagogik 821 Gleichzeitig wurden die ErzieherInnen aufgefor- dert (seit 2005 verpflichtet), ihre pädagogische Ar- beit in der Einrichtung in einer Konzeption dar- zustellen. Als mit der Pisa-Studie in Deutschland eine all- gemeine, öffentliche Bildungsdebatte eröffnet wurde, verstärkte sich die Kritik an der Pädagogik des Kindergartens. Das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler wurde mit durchaus überraschen- der Beweisführung auch auf das Versagen des Kin- dergartens zurückgeführt. Aber der Kindergarten war herausgefordert, sich in der Bildungsdebatte zu positionieren und seine Praxis zu überprüfen. Zum Bildungsbegriff in der Frühpädagogik Im Kontext der „neuen“ Bildungsreform hat die Frühpädagogik eigene Bildungskonzepte ent- wickelt und ein neues Bild vom Kind entworfen (Schäfer 2003; Laewen / Andres 2002), das gerade auch das kleine Kind als eigenaktiven Lerner mit imponierenden Entwicklungs- und Aneignungs- leistungen sieht. Das Kind wird als „Forscher“ be- zeichnet, der seine Umwelt erkundet; Bildung wird als selbsttätige „Aneignung von Welt“ verstanden (Liegle 2002). Die Erkenntnisse der Säuglings- und Hirnforschung zur Lernfähigkeit kleiner Kinder (Spitzer 2002) stützen diese Sichtweise. Unter- schiede in den Bildungsauffassungen zeigen sich in der Frage, ob das Kind als eigenständiger Kon- strukteur agiert oder vielmehr als Ko-Konstrukteur im Zusammenwirken mit den Erwachsenen (z. B. mit Eltern und professionellen Pädagogen), d. h. in der Frage, ob und in welcher Weise die Erwachse- nen auf die Selbstbildungsprozesse einwirken kön- nen und sollen. Eine umfassende Bildungskonzep- tion für die Arbeit im Kindergarten wurde eingefordert (z. B. im 12. Kinder- und Jugend- bericht, BMFSFJ 2005). In der Debatte um die Bildungsziele geht es einer- seits um Vorstellungen von der eigenverantwort- lichen, gemeinschaftsfähigen und kritischen Per- sönlichkeit, andererseits aber vor allem um die Anforderungen der modernen, unübersichtlichen, technisierten Umwelt, zu deren Bewältigung die Kinder über möglichst viel Wissen und Fähigkeiten verfügen müssen. Diese Anforderungen geraten al- lerdings auch unter Verdacht, in erster Linie auf die Bewährungschancen in der Leistungsgesellschaft und die Verwertbarkeit für eine inhumane Kon- kurrenzgesellschaft abzuzielen. Kinder geraten durch dieses Bildungsverständnis unter bedrohli- chen Leistungsdruck. Bildungspläne und didaktische Orientierungen Eine inhaltliche Bestimmung der pädagogischen Arbeit leisten die seit 2003 in allen 16 Bundeslän- dern erarbeiteten Erziehungs- und Bildungspläne für die Kindertageseinrichtungen (Diskowski 2008). Diese von verschiedenen Wissenschaftler- Gruppen im Auftrag der Kultusministerien er- arbeiteten Pläne sind keine „Lehrpläne“ im engeren Sinne, sondern lassen den Fachkräften durchaus Gestaltungsräume für ihre Arbeit. In der deutschen Frühpädagogik sind Bildungspläne etwas Unge- wohntes; die Akzeptanz durch die Fachkräfte stellte sich erst allmählich ein. Den Plänen liegen sehr unterschiedliche Bildungskonzepte zugrunde, sie beziehen sich auf sehr unterschiedliche Altersstufen und sie sind in ihrer äußeren Gestalt ebenso ver- schieden wie in ihrer Funktion. Während einige als Rahmenrichtlinien konzipiert sind (die durch Handbücher ergänzt werden), enthalten andere ausführliche konzeptionelle Darstellungen und Ausführungsvorschläge für die Fachkräfte. Unter- schiedlich sind auch die Investitionen der Länder für die Implementierung ihrer jeweiligen Pläne. Alle 16 Bildungspläne aber beziehen sich auf die Grundidee vom Kind als eigenaktiven Lerner und identifizieren verschiedene Lernbereiche (mit sehr unterschiedlicher Benennung und Ausdifferenzie- rung) für die Arbeit mit den Kindern. Zwar wird in allen Plänen auf das Spiel als selbstgesteuerte Akti- vitäts- und Aneignungsform der Kinder Bezug ge- nommen, doch die Herausforderung der Pläne liegt wesentlich in der Erweiterung der inhaltlichen Aspekte (z. B. Literacy, mathematische und natur- wissenschaftliche Bildung). Parallel zur Entwicklung der Bildungspläne wird an einer elementarpädagogischen Didaktik ge- arbeitet, die nach dem Verständnis der Bildungs- prozesse der Kinder, nach den Bildungszielen und nach der Intervention durch die Erwachsenen und die Gestaltung der pädagogischen Arbeit fragt. Die Frühpädagogik nimmt dazu gegenwär- tig Beiträge aus sehr verschiedenen Bereichen auf.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=