Handbuch 5. Auflage

822 R. Thiersch  So wird etwa die Bedeutung von Bindung für frühpädagogische Bildungsprozesse von der Bin- dungsforschung eingebracht, während die Bedeu- tung von non-formalen Lernprozessen und All- tagsbildung sowie von sozialen Bedingungen des Wissenserwerbs von der Bildungstheorie themati- siert wird. Die Aneignungsprozesse von Kindern, etwa als entwicklungsbezogener oder domänen- spezifischer Wissenserwerb, werden in Koope- ration mit der Entwicklungspsychologie und der Lernforschung untersucht. Über die Gestaltung von Anregung, Unterstützung und Förderung von Entwicklungs- und Bildungsprozessen der Kinder wird in neuen didaktischen und metho- dischen Diskursen reflektiert. Materialien und fachdidaktische Ansätze, z. B. für den Bereich der Sprachförderung und der mathematischen Bil- dung, werden aus unterschiedlichen Bildungs- und Entwicklungskontexten entwickelt, auch in Zusammenarbeit mit der Grundschuldidaktik. Insbesondere für Kinder mit Migrationshinter- grund, die die deutsche Sprache als Bildungsspra- che erwerben müssen, sind Konzepte für die Ver- mittlung von Deutsch als Zweitsprache wichtig. Dabei wurde allerdings zunächst in die Entwick- lung von (sehr unterschiedlichen) Instrumenten zur Sprachstandserhebung investiert (Fried 2007), inzwischen liegen aber auch verschiedene detail- liert ausgearbeitete Sprachförderkonzepte vor (z. B. Reich 2009). Angesichts dieser spezialisierten Zugänge wird die Entwicklung einer eigenständigen Elementardi- daktik besonders wichtig, die das fächerspezi- fische Denken zu einem umfassenden metho- dischen Konzept von Kindergartenpädagogik zusammenfasst. In der Praxis der Fachkräfte in den Kindergärten überlagern sich gegenwärtig tradierte Konzepte mit aktuellen methodischen Ansätzen. Während die einen vor allem die eigen- aktiven Lernprozesse der Kinder wertschätzen und fördern, betonen andere die Bedeutung von Vorgaben und Fördermaßnahmen der Erwachse- nen; bisweilen werden beide Positionen als Ge- gensätze aufgefasst. Zudem konnte König (2008) in Videoanalysen des Kindergartenalltags zeigen, dass ErzieherInnen in ihren Interaktionen mit den Kindern überwiegend auf die Bewältigung des Alltags konzentriert sind und dass Bildungs- prozesse der Kinder durch die Interaktionen eher selten angeregt werden (König 2008). Bedeutsam erscheint hier der Ansatz des Infans-In- stituts (Laewen / Andres 2002), der betont, wie wichtig es ist, „die Welt“ in sehr vielfältigen Er- scheinungsformen in den Kindergarten hinein- zuholen. So sind nicht nur Natur und kindliche Umgebung Anlass für Bildungserfahrungen, son- dern auch die Erwachsenenwelt wird durch klassi- sche Musik, Literatur und Kunst, durch Architek- turdarstellungen und anderen Formen der Hochkultur repräsentiert und den Kindern für ihre Auseinandersetzungen zur Verfügung gestellt. Das Konzept betont, dass Erwachsene Kindern auch ihre Themen „zumuten“ dürfen – ohne dass die Kinder aber mit Lernforderungen unter Druck ge- setzt werden. In allen Bildungsplänen wird die Beobachtung der Kinder als wichtiges Element der pädagogischen Arbeit neu akzentuiert; dafür werden sehr unter- schiedliche Instrumente von der standardisierten Beobachtung verschiedener Kompetenzen mit Sprachstandserhebungen oder dem Beller-Bogen (Beller / Beller 2009) bis zu freier Beobachtung eingeführt. Beobachtung wird in den Bildungsplänen als Mittel zur Feststellung von Entwicklungsdefiziten und zur Identifizierung von Kindern mit besonderem För- derbedarf beschrieben, die Dokumentation der Ent- wicklungsverläufe kann als Basis für Elterngespräche dienen. Beobachtung und entsprechende Doku- mentation sind aber auch eine wichtige Grundlage für Planung und Gestaltung pädagogischen Han- delns und spezifischer Fördermaßnahmen, ebenso wie für die Reflexion der pädagogischen Arbeit im Team, und – in Form von Portfolios – auch für die Reflexion mit den Kindern und ihren Eltern. In diesem Zusammenhang soll das Beobachtungsver- fahren der Bildungs- und Lerngeschichten (Leu 2008) erwähnt werden, das in besonderem Maße auf die individuelle Ausdrucksmöglichkeit und die Persönlichkeit des einzelnen Kindes konzentriert ist und von da aus auf einen intensiven Dialog zwischen Erzieherin und Kind zielt. Bildungsaufgaben für Kinder unter 3 Der Ausbau der Kleinkindbetreuung erweist sich nicht nur als quantitative, sondern auch als qualita- tive Herausforderung. Wenn die institutionelle Be- treuung sehr kleiner Kinder pädagogisch verant-

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