Handbuch 5. Auflage
Kindertagesbetreuung – Frühpädagogik 823 wortbar sein soll, braucht sie eine gute personelle Ausstattung und Konzepte, die die pflegerischen Aufgaben ebenso ernst nehmen wie die spezifischen Bedürfnisse der z.T. noch sehr kleinen Kinder, etwa nach emotionaler Sicherheit und Bindung, und die diese Aspekte mit den oben skizzierten Grundsätzen der Bildungsarbeit verbinden. Es geht also bei der Arbeit mit den Kleinkindern in Tageseinrichtungen und Tagespflege vorrangig um den Respekt gegen- über der Persönlichkeit des Kindes, um die Ermög- lichung von Eigentätigkeit und von elementaren Erfahrungen sowie um die intensive Interaktion mit anderen Kindern und Erwachsenen. Entwürfe dafür wurden z.B. von der Bertelsmann-Stiftung (2009) vorgelegt; Anregungen dafür werden z.B. aus der Pikler-Pädagogik aufgenommen (Tardos et al. 2002). Für die Arbeit mit Kleinkindern ist im Übri- gen eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern wichtig. Bisher mangelt es an Fachkräften, die für die Arbeit mit dieser Altersstufe ausgebildet sind, was angesichts der Expansion der Kleinkindbetreu- ung besonders prekär ist. Über die Qualifizierung der Fachkräfte für den ge- samten Bereich der Kindertagesbetreuung, vor al- lem aber für den Kindergarten, wird schon seit 1975 kritisch diskutiert, diese Diskussion wird seit 2000 – im Zuge der Bildungsdebatte und mit Blick auf das europäische Ausland – verstärkt geführt; moniert wird, dass das Ausbildungsniveau der Er- zieherInnen auf Fachschulebene den Anforderun- gen nicht entspricht (Thiersch et al. 1999; Dil- ler / Rauschenbach 2006). Die Anforderungen der Bildungsförderung insgesamt, vor allemdie Sprach- förderung von Kindern mit Migrationshinter- grund, aber auch die Zusammenarbeit mit Eltern und Schule erfordern andere Qualifikationen. Auf die Professionalisierung der Fachkräfte kann in diesem Artikel nicht eingegangen werden ( → Rau- schenbach / Züchner, Berufs- und Professions- geschichte der Sozialen Arbeit), wichtig ist aber der Hinweis, dass die Entstehung der neuen akademi- schen Studiengänge an Fachhochschulen, Univer- sitäten und Pädagogischen Hochschulen seit 2004 und das Projekt „Profis in Kitas“ (PiK) der Robert- Bosch-Stiftung (2008) wesentlich zu einem Ent- wicklungsschub im Bereich der Forschung und der didaktischen Entwicklung in der Frühpädagogik beigetragen haben (Fröhlich-Gildhoff et al. 2009). Effektivitätserwartungen Der Kindergarten steht gegenwärtig unter großem gesellschaftlichem und fachlichem Erwartungs- druck. Erwartet wird, dass der Kindergartenbesuch sich positiv auf die Schulleistungen in der Grund- schule auswirkt, vor allem bei sozial benachteiligten Kindern und bei Kindern mit Migrationshinter- grund. Als Antwort auf die Frage nach der generell för- derlichen Wirkung des Kindergartenbesuchs las- sen sich zwei miteinander verbundene Faktoren nennen: Wenn Kinder relativ früh (ab 2 Jahren) in den Kindergarten gehen und dieser Kinder- garten eine hohe pädagogische Qualität hat, wirkt sich das förderlich auf die kognitiv-leistungsbezo- gene Entwicklung der Kinder aus (Roßbach et al. 2008; Tietze et al. 2005; Textor o. J.). Für Ein- richtungen mit geringer pädagogischer Qualität konnte eine fördernde Wirkung nicht nachgewie- sen werden. Der Qualität der pädagogischen Ar- beit in den Kindergärten und insbesondere der Interaktion zwischen Fachkräften und Kindern kommt damit eine große Bedeutung zu. Hier ist, wie oben schon dargestellt, noch viel Entwick- lungsarbeit zu leisten. Neben der allgemein förderlichen Wirkung wird vom Besuch eines Kindergartens vor allem eine kompensatorische Wirkung für sozial benachteiligte Kindern erwartet. Dabei geht es um Kinder aus bil- dungsfernen Familien und um Kinder mit Migrati- onshintergrund, deren bildungsbezogene und schul- sprachliche Fähigkeiten in den Familien nicht in ausreichendem Maße gefördert werden. Wenn, wie Forschungen aus verschiedenen Zusammenhängen belegen, die Familie die bei weitem wirksamste So- zialisationsinstanz in der Kindheit ist (z.B. Tietze et al. 2005), dann stellt sich die unter sozial- und bil- dungspolitischen Aspekten besonders brisante Frage, ob mit dem Besuch eines Kindergartens kompensa- torische Wirkungen verbunden sind. Zwar fehlen in Deutschland spezifische Untersuchungen dazu, doch der Rückgriff auf angloamerikanische For- schungen fördert Ergebnisse zutage, die nur sehr vorsichtigen Optimismus zulassen: „Während auf- wändige – und damit teure – Interventionsmodelle auf deutlich positive Auswirkungen verweisen, zei- gen sich in Untersuchungen von Regeleinrichtungen solche Effekte nicht durchgängig“ (Roßbach et al. 2008, 153).
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