Handbuch 5. Auflage

824 R. Thiersch  Die Sprachförderung hat angesichts des großen An- teils von Kindern mit Migrationshintergrund für die kompensatorische Wirkung eine zentrale Bedeu- tung. Hier wird es darum gehen, Forschungen nicht nur über spezielle Programme, sondern über eine effektive Sprachförderung als Teil einer umfassen- den, guten pädagogischen Arbeit und über deren flächendeckende Implementierung voranzutreiben. Es wird also ebenso um die Identifikation von wirk- lich effektiven Sprachförderkonzepten wie um die wirksame Qualifizierung der Fachkräfte gehen. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die deutsche Frühpädagogik noch nicht über ein breites Spekt- rum von Arbeitsansätzen zum Ausgleich früher Be- nachteiligungen verfügt. Solche Ansätze beziehen sich nicht nur auf spezifische Fördermaßnahmen, sondern verlangen auch Konzepte für eine umfas- sende pädagogische Förderung dieser Kinder durch einen entsprechend gestalteten Kindergartenalltag und Maßnahmen und Programme zur Unterstüt- zung familiärer Bildungsprozesse. Frühpädagogik kann ihre kompensatorische Auf- gabe keinesfalls allein leisten. Kompensatorische Er- ziehung muss vielmehr als längerfristiges und kom- plexes Projekt gesehen werden, an dem die Eltern sowie andere Agenten im Sozialraum und die Schule beteiligt sind, das aber für seine nachhaltige Wirk- samkeit auf eine entsprechende Familien- und Sozi- alpolitik angewiesen ist. In diesem Zusammenhang muss auch die Forderung nach Beitragsfreiheit für den Kindergarten als Instrument der Verbesserung der Chancengerechtigkeit erwähnt werden. In eini- gen Bundesländern ist derzeit bereits das letzte Kin- dergartenjahr beitragsfrei. In der öffentlichen Diskussion müssen die z.T. vollmundig formulierten Erwartungen an die kom- pensatorische Wirkung frühpädagogischer Maß- nahmen auf ein realistisches Maß zurückgefahren werden und es muss deutlich werden, dass der Kin- dergarten nicht allein nach der Auswirkung auf die Schulleistungen beurteilt werden kann. Kooperationsaufgaben des Kindergartens Für die Wirksamkeit des Kindergartens ist im Üb- rigen nicht nur die inhaltliche Arbeit relevant, son- dern auch die Zusammenarbeit mit den Eltern und im Sozialraum sowie die Kooperation mit der Schule. Diese Aspekte der sozialen Einbettung des Kindergartens, die jeweils in ganz eigenen Diskus- sionszusammenhängen verhandelt werden, können hier nur knapp skizziert werden. Die Zusammenarbeit mit den Eltern und im Sozialraum Für Kindergärten sind die Eltern – das wurde oben bereits angesprochen – wichtige Kooperationspart- ner (§22a KJHG, Abs. 2.1). Auch Eltern sehen sich als Kooperationspartner der Kindergärten, sie haben heute hohe Erwartungen an die Flexibilität der Betreuungsangebote, aber auch an die Mög- lichkeit der Mitwirkung bei der Ausgestaltung der pädagogischen Rahmenbedingungen ihrer Ein- richtung; ihre Mitsprache ist durch den Elternbei- rat gewährleistet. Forschungen zur Zusammen- arbeit zwischen ErzieherInnen und Eltern zeigen in beiden Gruppen unterschiedliche Erwartungen und unterschiedliche „Modi der Zusammenarbeit“ (Thiersch 2006, 95 f.; Herrmann 2007). Hier können sich auch Konflikte zwischen Eltern und ErzieherInnen ergeben; wenn z. B. Eltern aus Sorge um die Zukunftsfähigkeit ihrer Kinder über- zogene Lernanforderungen stellen, oder wenn Er- zieherInnen Positionen vertreten, die im Gegensatz zu den Elterninteressen stehen. Konzepte für die Zusammenarbeit firmieren un- ter dem Titel „Erziehungspartnerschaft“ (Textor 2000), sie basieren auf der Anerkennung der El- tern als kompetente, interessierte und wirksame Partner und auf der Akzeptanz des kulturellen und sozialen Hintergrunds der Familien. Darüber hinaus werden für Eltern mit besonderem Unter- stützungsbedarf spezifische Elternprojekte ent- wickelt, die sie auch in der häuslichen Erziehung stärken. Allerdings erweist es sich als schwierig, gerade bildungsferne und sozial benachteiligte Familien zu erreichen. Obwohl die Zusammenarbeit mit den Eltern als bedeutsam angesehen wird, wird ihre Wirksam- keit bisher in Evaluationsstudien nicht unter- sucht. Vorliegende Evaluationen konzentrieren sich auf die inhaltliche Arbeit im Kindergarten und fragen nach den Ergebnissen auf der Ebene von kognitiven Leistungen. Es wäre aber wichtig, unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit von Fachkräften und Eltern auf ihre Wirkungen

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=