Handbuch 5. Auflage

826 R. Thiersch  Frage nach der Effektivität der pädagogischen Ar- beit den Kindergarten verändern. Der Übergang vom Kindergarten in die Schule wird als besondere Herausforderung für die Kinder beschrieben. In Deutschland war eine eher späte Einschulung üblich; gegenwärtig aber verlegen die meisten Bundesländer den Einschulungstermin vor, sodass die Kinder beim Schuleintritt im Durchschnitt immer jünger sein werden. Die Tran- sitionstheorie weist auf die Rollenveränderungen hin, die bei den Kindern, aber auch bei den Eltern zur Umorganisation ihrer Selbstdefinition führen ((Niesel 2004). Der Übergang wird nicht selten als krisenhaft erlebt. Faust (2008, 10) merkt allerdings an, dass vor allem ängstliche und unsichere Kinder auf den Übergang mit Verhaltensproblemen re- agieren. Der Kindergarten ist also gefordert, diese Kinder intensiver zu fördern und vorzubereiten. Ein Zusammenwirken von LehrerIn und Erziehe- rIn ist inzwischen bei Fragen von Einschulung bzw. Zurückstellung weitgehend üblich, ebenso gehören Besuche der Kindergartenkinder zum Kennenlernen der Schule und gemeinsame Pro- jekte von Kindergarten- und Schulkindern sowie Abschieds- und Aufnahme-Rituale zum Pro- gramm der Kooperation von Kindergarten und Schule. Vor allem von schulischer Seite wird oft gefordert, dass der Kindergarten die Kinder besser auf die Schule vorbereitet solle. Die Kinder soll- ten bereits im Kindergarten mit schulischen Ar- beitsformen bekannt gemacht und durch Übun- gen von Vorläuferfähigkeiten besser auf den Erwerb der in der Schule geforderten Kompeten- zen vorbereitet werden, etwa im Bereich der Spra- che oder der Mathematik (Roßbach et al. 2008; Hacker 2008). Modellprojekte für eine intensi- vere inhaltliche Zusammenarbeit werden z. B. in Bayern (Projekt KidZ) und in Baden-Württem- berg („Bildungshaus 3 bis 10“) durchgeführt. Dagegen sieht Liegle (2008) die Gefahr einer Ver- schulung des Kindergartens; er plädiert für einen eigenständigen Bildungsauftrag des Kindergartens, der die entwicklungsangemessene individuelle För- derung der Kinder in „selbsttätigen, spielerischen und erkundenden Lernprozessen“ realisiert (109). Die Zusammenarbeit von Kindergarten und Schule ist dadurch erschwert, dass beide Institutionen mit ihrer jeweils internen Weiterentwicklung (wie sie oben skizziert wurde) beschäftigt sind; eine Ver- mittlung der beiden unterschiedlichen Ansätze in einem Kooperationskonzept erscheint deshalb als besonders aufwändige und zeitintensive Herausfor- derung. Resümee Die Frühpädagogik und das ihr zugeordnete Ar- beitsfeld der Kindertagesbetreuung sind seit etwa zehn Jahren in einer stürmischen Expansion in ver- schiedenen Richtungen begriffen; auch im Ver- gleich mit anderen Bereichen des Bildungswesens und der Sozialpädagogik ist hier besonders Vieles in Bewegung geraten. Die sichtbarste Ebene der Expansion ist der Aus- bau der Plätze in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege, zunächst für die Altersgruppe der Kindergartenkinder, dann für die der Kleinkin- der; diese Expansion ist verbunden mit einer Ex- pansion des Personals und des Finanzbedarfs. Eine zweite Ebene der Expansion ergibt sich durch die Ausarbeitung des frühpädagogischen Bildungsver- ständnisses; mit den Bildungsplänen erfolgte eine inhaltliche Erweiterung um Bereiche, die traditio- nell im deutschen Kindergarten wenig repräsen- tiert waren, wie Literacy, Naturwissenschaft und Technik. Neue Arbeitsansätze und Theoriebereiche erschlossen sich dabei durch die Erweiterung der methodisch-didaktischen Reflexion und die stär- kere Einbeziehung von Bezugswissenschaften wie Bindungstheorie, Entwicklungspsychologie, Bil- dungstheorie, Lerntheorie und Hirnforschung. Auf einer dritten Ebene findet eine Expansion der Frühpädagogik durch die Ausweitung der Arbeits- formen und Kooperationen statt, zum einen durch die Flexibilisierung der Betreuungsangebote, zum anderen durch eine intensivere Zusammenarbeit mit den Eltern, durch neue Formen der Vernet- zung mit sozialen Diensten und kommunalen Netzwerken sowie durch intensive Formen der Ko- operation mit der Grundschule. Schließlich reali- siert sich die Expansion auf einer vierten Ebene in der Einführung neuer akademischer Studiengänge, durch die die Frühpädagogik einen Professionali- sierungsschub und eine erhebliche Ausweitung der Forschung erfährt. In dieser quantitativen, inhaltlichen, institutionel- len und professionalisierungsbezogenen Expansion liegt für die Frühpädagogik die Chance, ihre Kon- zepte und ihre Arbeitsweisen umfassend weiterzu-

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