Handbuch 5. Auflage

Anerkennung 83 keit, aktuelle Realitäten wie etwa ausgrenzende Rechtsnormen oder die hegemoniale Auslegung des Leistungsprinzips zu kritisieren und „in Rich- tung einer Steigerung des moralischen Niveaus der Sozialintegration“ zu verändern (221). So erscheint das Verhältnis von Anerkennung und Umvertei- lung als ein deduktives: In Reaktion auf die Miss- achtung „ihrer tatsächlichen Leistungen versuchen [soziale Gruppen], die etablierten Bewertungsmus- ter in Frage zu stellen, indem sie für eine höhere Wertschätzung ihrer gesellschaftlichen Beiträge kämpfen und damit eine ökonomische Umvertei- lung“ beanspruchen (183). Allerdings stehen den Akteuren von ihren historisch angeeigneten und zugewiesenen hierarchisierten Sprechpositionen aus in unterschiedlichem Ausmaß Möglichkeiten zur Verfügung, ihre Forderungen wirkmächtig zu formulieren und beispielsweise „die Umwertung der herrschenden Leistungsdefinitionen“ (177) durchzusetzen. Forderungen nach Anerkennung und Umverteilung werden stets in bereits herr- schaftsförmig strukturierte Foren eingebracht und sowohl die Teilnahme an als auch die Durchset- zung in diesen Foren ebenso wie die Vergabe von Anerkennung selbst ist eine Frage von Macht, Herrschaft und Ungleichheit: Aus starken Macht- positionen resultiert Anerkennung, und Akteure, die in bestehenden Machtverhältnissen auf unteren Positionen verortet sind, erfahren Herabwürdi- gung, Missachtung und Beschämung. Wenn von Ungleichheit und Diskriminierung Betroffene, de- ren prekäre soziale Lage nicht oder unangemessen öffentlich repräsentiert ist, selbst nicht über die Möglichkeiten verfügen, ihre Forderungen wirk- sam einzubringen, wird – wie u. a. Nancy Fraser argumentiert – advokatorische Interessenvertre- tung notwendig. Nun lässt sich bezüglich der subjektorientierten Konzipierung des Anerkennungsbegriffs dessen ontologisches Verständnis „wahrer“ Identität pro- blematisieren. Ein solches Verständnis erscheint zwar sozialtheoretisch anachronistisch, bildet aber einen zentralen Ansatzpunkt der bisherigen sozial- pädagogischen Anerkennungsrezeption. Mit einer insbesondere gendertheoretisch und poststruk- turalistisch formulierten Subjektkritik stellen sich die Fragen, inwiefern ein statusorientiertes An- erkennungskonzept in der Lage ist, entsprechende Engführungen zu vermeiden. Status und Struktur Der theoretische und politische Akzent der von Nancy Fraser vorgelegten Anerkennungskonzep- tion liegt auf der Frage nach dem Status subjektiver und kollektiver Akteure und deren strukturell un- gleichen Handlungs- und Lebensgestaltungsmög- lichkeiten. Mit dem „Statusmodell der Anerken- nung“ und demKonzept „partizipatorische Parität“ (Fraser 2003, 45 ff.; 2000) wird soziale Ungleich- heit anerkennungstheoretisch als eine Situation be- schreibbar, in der Akteure „durch institutionali- sierte kulturelle Wertmuster daran gehindert werden, als Gleichberechtigte am Gesellschafts- leben zu partizipieren“, und „Institutionen die so- ziale Interaktion nach Maßgabe kultureller Nor- men strukturieren, die partizipatorische Parität“, also die Möglichkeit der gleichberechtigten Teil- habe und Teilnahme an Lebensformen und Gütern verhindern (45). Für die Herstellung sozialer Ge- rechtigkeit seien also sowohl die materiellen Voraus- setzungen zu schaffen als auch jene kulturellen Normen zu dekonstruieren, die Personen(gruppen) aufgrund von zugeschriebenen „spezifischen Merk- malen“, wie z. B. Geschlecht, von Gütern und Möglichkeiten der Lebensgestaltung ausschließen. Damit gilt es weniger, subjektive und kollektive Akteure in ihrem „Anders-Sein“ anzuerkennen, sondern die benachteiligende Wirkmächtigkeit je- ner dieses „Anders-Sein“ konstituierenden Diffe- renzkategorien zu entkräften. So implementiert das statusorientierte Konzept die Anerkennung von Differenz nicht als affirmative Aufwertung, son- dern im Sinne der Nichtbewertung von unter- schiedlichsten Formen der Lebensgestaltung: Auf deren inhaltliche Präformierung ist zu verzichten, sodass es den jeweiligen Akteuren zukommt zu entscheiden, wie sie ihr Leben führen. Dieses anerkennungstheoretische Konzept nimmt Kategorien sozialer Ungleichheit in einen nicht-es- sentialisierenden differenzanerkennenden Blick, der auf den Abbau von Benachteiligungen zielt, ohne mit einer Orientierung am Paradigma an- erkennenswerter „Identität“ strukturelle und öko- nomische Einschränkungen von Lebenschancen zu kulturalisieren. Denn das Problem der Anerken- nung von Differenz (mit Blick auf Soziale Arbeit vgl. Kessl / Plößer 2010) liegt darin, dass beste- hende Ungleichheiten reproduziert werden, wenn Umverteilungs- und Klassenpolitiken zugunsten

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