Handbuch 5. Auflage
84 Heite von Kultur und Identitätspolitiken vernachlässigt werden und abzuschaffende Ungleichheit in an- erkennenswerte Differenz umdefiniert wird. Da- rum zielt eine statusorientierte Anerkennungstheo- rie weniger auf die anerkennende Reproduktion von Differenzen, sondern auf deren Dekonstruk- tion und die Aufhebung der fraglichen Ungleich- heits- und Herrschaftsverhältnisse. Dies impliziert, Anerkennung und Umverteilung sowie die einzel- nen Ungleichheitskategorien wie u. a. Klasse, Ge- schlecht, Sexualität, Nationalität, Behinderung nicht deduktiv und nicht hierarchisch zu verstehen. Wie auch intersektionale Ansätze (Andersen 2005; Collins 1999; Knapp 2005; McCall 2005; Walgen- bach et al. 2007) betonen, sind ökonomistische Verengungen ebenso wie jene mit der Wende von Umverteilung zu Anerkennung, von Ungleichheit zu Differenz einhergehenden Kulturalisierungen zu vermeiden. Zusätzlich zur Gleichgewichtung von Anerkennung und Umverteilung zur Erfassung „des Kulturellen“ und „des Ökonomischen“ haben Ungleichheitsana- lysen drittens die Dimension Repräsentation – „das Politische“ – gleichermaßen in den Blick zu nehmen. Diese zielt auf die Frage, wie Forderungen macht- schwacher Akteure in herrschaftsförmig strukturierte Foren der politischen Auseinandersetzungen einge- bracht werden können, inwieweit es notwendig er- scheint, qua stellvertretender Repräsentation die Inte- ressen machtschwacher Gruppen vorbehaltlich zu formulieren und unterstützend in relevante Ent- scheidungsprozesse einzubringen. Grundlegend da- bei ist, dass die Formulierung und das Durchsetzen von Forderungen nicht als bloße Eigenverantwor- tung betroffener Akteure gelten können, sondern auch als Frage möglicher Formen des stellvertreten- den Sprechens und Handelns. Wenngleich auch ein „Sprechen für“ seinerseits nicht unproblematisch ist, ergeben sich insgesamt aus einer solchen statusorien- tierten Anerkennungskonzeption theoriearchitekto- nische ebenso wie professionsorientierte Analyse- möglichkeiten und Anschlüsse für Soziale Arbeit erstens im Sinne stellvertretenden Handelns und zweitens mit Blick auf die Statuspositionierung So- zialer Arbeit als Profession, die im Folgenden wei- tergehend präzisiert werden. Anerkennung und Soziale Arbeit Sowohl status- als auch subjektorientierte An- erkennungskonzeptionen bieten einen kategoria- len, begrifflichen und systematischen Rahmen für Theoriebildung, Analyse und Praxiskonzepte So- zialer Arbeit. Dieser Rahmen lässt sich sowohl auf der Ebene des Status der AdressatInnen und deren Betroffenheiten von sozialer Ungleichheit als auch auf der Ebene des Status Sozialer Arbeit als Profes- sion formatieren. Subjekt Mit Anerkennung als „Kernstück des beruflichen Selbstverständnisses“ (Hafeneger 2002, 45) zielt Soziale Arbeit „als Anerkennungsarbeit“ (Sauer- wald et al. 2002) auf „Subjekt-Bildung in Anerken- nungsverhältnissen“ (Scherr 2002) und „biogra- phische Lebensbewältigung“ (Arnold et al. 2005). Ziele sozialpädagogischer Anerkennungsarbeit sind die (Wieder)Herstellung von Selbstwertgefühl und – in klassischer Dichotomisierung von Ge- meinschaft und Gesellschaft – Sozialintegration in Form der Vermittlung von Lebenssinn, Normen, Teilhabe an sozialen und emotionalen Beziehungen sowie Systemintegration als Erziehung, Bildung, Ausbildung, Erwerbstätigkeit. Benachteiligungen werden hier subjektorientiert als Unterdrückungs- momente betrachtet, welche die Subjekte in ihrer Autonomie insofern einschränken, als sie „mit der Verweigerung sozialer Wertschätzung der Erfah- rungen, sozialen Identitäten und der Lebensent- würfe von Individuen einhergehen“ (Scherr 2002, 35). Anerkennungsorientiert seien die AdressatIn- nen im Fallbezug aus dieser Beschränkung von Autonomie qua Entwicklung subjektiven Kom- petenzen, Eigenverantwortung und Selbstachtung herauszupädagogisieren, wobei insbesondere die „Inklusion in Arbeit“ wesentlich für die „ganzheit- liche“ Persönlichkeitsentwicklung, Quelle von Le- benssinn und Anerkennung sei. Subjektkritisch betrachtet stellen sich Autonomie und Handlungsfähigkeit jedoch gerade nicht ein- deutig dar, vielmehr erwachsen sie insbesondere aus der Unterwerfung unter hegemoniale An- erkennungsbedingungen wie etwa die Teilnahme an Erwerbsarbeit. So begreift etwa Judith Butler (2004) Anerkennung als unterwerfende Norm,
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